33] Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte. 459
Es sind also gewaltige Umwandlungen geschehen, die das Werk vieler
Jahrhunderte sind und ein klassisches Beispiel großer Flußveränderungen
infolge kulturellen Eingriffes bilden.
Nachdem am Anfang des 15. Jahrhunderts durch eine Eisstopfung
und dadurch veranlaßte hohe Fluten die Elbinseln bei Hamburg
noch mehr als sie es vorher schon gewesen, zerrissen und zerschlitzt
worden waren, stellte die Elbe ein Gewirr schier unzähliger Flußarme
dar, die infolge der dadurch bewirkten Verteilung des Wassers so
seicht waren, daß bei wenig hohen Wasserständen „die Wellen kaum
den Sand überrieselten*. Die Aufgabe der Hamburger bestand nun
darin, diese komplizierten Stromverhältnisse zu vereinfachen. Und
diese Aufgabe haben sie durch Kupierung zahlreicher Arme, durch
große Durchstiche!) und durch Anlegung von Teilungswerken ?) so
glänzend gelöst, daß die Elbe jetzt bei Hamburg nur zwei Hauptarme,
die Norder- und Süderelbe hat, die durch zwei große Querarme, den
Reiherstieg und die Sandau mit dem Köhlbrand miteinander verbunden
sind?), Dabei ist der für Hamburg wichtigsten Norderelbe
nicht nur die größte Wasserführung, sondern auch eine solche Richtung
gegeben worden, daß sie jetzt direkt an der Stadt vorbeifließt.
Das Vordelta der Oder bei Stettin gab zu keinen Stromverlegungen
Anlaß, da der Hauptarm derselben dicht an Stettin vorüberführt und
ihm durch den oberhalb Garz abzweigenden Nebenarm verhältnismäßig
wenig Wasser entführt wird. Dennoch wurde: letzterer zeitweise von
der Schiffahrt benutzt, sodaß die Stadt im Mittelalter ein Gesetz erließ,
nach dem alle Kaufleute die „rechte Fahrt“, d. h. den an Stettin vorüberführenden
Stromarm benutzen sollten®).
Dagegen hat das Weichseldelta seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
bedeutendere Veränderungen erlitten. Durch Strombauten
an der Montauer Spitze wurde die Wasserführung der Weichsel auf
Kosten der Nogat stark vermehrt, so daß jetzt zwei Teile des Wassers
dem ersteren und nur einer dem zweiten Arm zufließen. Der kurz
vor der Küste nach Westen umbiegenden Weichsel wurde durch
den Durchstich bei Siedlersfähr eine gerade Ausmündung gegeben,
wodurch die Gefahren des Eisganges für die untere Weichselniederung
stark vermindert worden sind. Der nach Westen führende Teil der
Weichsel wurde mittels Kupierung zu einem toten Arm gemacht,
dafür aber Danzig durch einen Kanal mit der Weichsel verbunden, der
bei Siedlersfähr in die letztere mündet. Durch diesen Kanal ist Danzig
der Endpunkt für die Flußschiffahrt, durch den toten Arm der Weichsel
!) Durchstich des Grandeswärder 1550; Durchstich im Spadenländer Busch
1570; Durchstich des „neuen Grabens“ durch den Grasbrook um 1600; Durchstich
der „kalten Hofe“ 1879.
?) Teilungswerke sind Verlängerungen der durch eine Stromteilung entstandenen
Landspitze. Je nach der Richtung dieser Verlängerung wird dem einen
oder dem anderen Stromarm mehr Wasser zugeführt.
%) W. Melhop, Historische Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg.
Hamburg 1895 S. 114—115. Hamburg und seine Bauten; berausgegeben
vom Architekten- und Ingenieurverein zu Hamburg 1890 S.9—12. Nels und
Bubendey, Die Elbe, Hamburgs Lebensader S. 18—20.
‘) H. Meyer, Stettin in alter und neuer Zeit S. 42.
Forschungen zur deutschen Landes- und Volkskunde. XII. 6. 39