Metadata : Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung.

—  12  —

Einigkeit,  Wer  redet,
ein  festes  Band,  was  ihn  gelüstet,
sie  hält  zusammen  muß  hören,
Leut'  und  Land.  was  ihn  entrüstet.
Allen  Menschen
recht  getan
ist  eine  Kunst,
die  niemand  kann.  (Rathaus  in  Halle  a.  S.)

Neben  dem  Sitzungssaal  lagen  wohl  einzelne  Zimmer  für  die
Kommissionen,  die  geschickten  Freunde  unserer  Herren  vom  Rat;  weitere
Räume  für  die  Stadtschreiberei,  die  Rentkammern,  die  Spezialverwaltungen
schlossen  sich  an.  Die  unteren  Räume  umfaßten  nicht  selten  das  städtische
Arsenal.

In  dieser  Umgebung  spielt  sich  das  Tagewerk  des  Bürgers  ab.

Der  Morgen  wird  den  Bürgern  durch  Geläut  verkündet  und  die
Glocken  der  zahlreichen  Gotteshäuser  tönen  fast  den  ganzen  Tag  hindurch,
bald  mahnt  die  eine,  bald  die  andere  zum  Gebet  und  Kirchgang.  Ihr
Ton  ist  dem  Bürger  herzlich  lieb,  er  umklingt  ihm  das  ganze  Leben,
wie  er  seinen  Vorsahren  getan.

Die  Stadt  hat  ihren  Markttag;  am  Rathause  ist  die  rote  Fahne
ausgesteckt,  solange  sie  hängt,  haben  die  fremden  Verkäufer  das  Marktrecht.
  Zu  allen  Toren  ziehen  die  Landleute  der  Umgegend  herein,  auch
die  Landbäcker  und  Metzger,  welche  heute  an  besonderen  Plätzen  feilhalten
dürfen.  Auf  Ständen,  Tischen,  in  Krambuden  und  den  Stadtbänken
sind  die  Waren  ausgelegt,  das  kleine  Handwerk  der  Stadt  zeigt  heut  im
Gewühl  der  Fremden  und  Einheimischen,  was  der  Fleiß  des  Bürgers  in
der  Woche  geschaffen.

Das  lebhafte  Bild  kaufmännischen  Straßenverkehrs,  welches  sich  aus
dieser  Abstufung  der  Verkaufslokale  ergibt,  wird  noch  wesentlich  greller
gefärbt  durch  die  Sitte  des  Mittelalters,  alle  Waren  zum  Verkaufe  auszurufen.
  Zwar  verboten  einzelne  Zünfte  ihren  Mitgliedern,  durch  allzuhäufiges
  Rufen  weniger  stimmkräftigen  Genossen  Konkurrenz  zu  machen.

Hundert  Geräte  und  Erfindungen,  die  wir  noch  heut  gebrauchen,
waren  auf  dem  Stadtmarkt  des  14.  Jahrhunderts  feil.  Und  wer  damals
vom  Lande  kam,  der  staunte  über  die  Pracht  und  Fülle  begehrenswerter
Dinge  und  fühlte  tief  den  Zauber  des  Geldes.  Aber  das  Wertvollste
war  auch  damals  in  dunkeln  Stuben  und  Gewölben  der  großen  Kaufherrn
  in  eisernen  Truhen  und  hinter  festem  Verschluß  aufbewahrt.  Und
wer  den  Reichtum  und  Wert  der  Stadt  für  den  friedlichen  Verkehr  der
Nationen  ermessen  wollte,  der  mußte  die  Waren  da  suchen,  wo  sie  unscheinbar
  in  Hülle  und  Kasten  lagen,  denn  Schaufenster  gab  es  nicht.

So  knarren  die  Wagen  und  handeln  die  Menschen,  bis  die  Marktfahne
  am  Rathause  abgenommen  wird  oder  ein  Glöcklein  den  Markt