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„Times“ gegen „Times“.
Unter dieser Ueberschrift könnte man eigentlich fast täglich etwas
bringen, da es zu den Gepflogenheiten dieses Blattes gehört, sich selbst zu
widersprechen. In diesen Widersprüchen liegt eine so unfreiwillige Komik,
die manchmal so erheiternd ist, daß wir sie unseren Lesern nicht vorent-
halten möchten. Hier eine Probe:
„Times“
vom 29. Juli 1914:
„Deutschland hat sich sehr gut
betragen. Es wird natürlich seinem
Verbündeten eine diplomatische
Unterstützung gewähren; indessen
kann der deutsche Generalstab von
den Bedingungen, unter denen
Oesterreich diesen Feldzug beginnt,
nicht sonderlich erbaut sein.
Deutschland ist an den österrei-
chischen Kriegswagen geschmiedet
(Germany is being dragged at the
beels of the Austrian war chariot),
und seine Lage ist nicht erquicklich.
Wenn Deutschland zum Arma-
geddon werden sollte, so wird es
einen großen Teil des verbündeten
Heeres in den serbischen Bergen
auf einem Neben-Kriegsschauplatz
beschäftigt finden, so daß auf dem
Haupt-Kriegsschauplatz die Bürde
des Krieges ganz oder doch zum
großen Teil auf Deutschlands
Schultern ruhen würde.
Wenn Deutschland kann, wird
es sich vom Kriege fernhalten. Ein
Casus foederis braucht notwendi-
gerweise nicht eher einzutreten, als
bis Oesterreich von Rußland tat-
sächlich angegriffen wird.
Was Italien anbetrifft, so hieße
es wirklich zuviel verlangt, daß es
seine Armee für eine Vergrößerung
Oesterreichs in die agschale
werfe. Sollte Italien aber wagen,
seine Flotte in Tätigkeit zu setzen,
so würde es in kurzer Frist stür-
missee- Wetter im Mittelmeer
9 en.“
„Times“
vom 27. Oktober 1914:
„Zweifellos haben die Deutschen
zu dieser Stunde etwas über die
Bedeutung von Bündnissen ge-
lernt. Es war Preußens Gewohn-
heit, jeden und alles seinen selbst-
süchtigen Interessen zu opfern, und
dieser Krieg war keine Ausnahme
von der Regel. Preußen sah ruhig
zu, wie die Oesterreicher erdrückt
wurden, und anstatt Dankl und
Auffenberg zu unterstützen, nutzte
es alle seine Kräfte, um Ostpreußen
von den Russen zu säubern.
Oesterreich wurde ein Opfer der
verkehrten deutschen Strategie und
mußte als ein sklavisches Werkzeug
in den Händen der Deutschen ein
Dutzend seiner besten Generale ent-
lassen.
Deutschland hat sich die Kon-
trolle auf dem östlichen Kriegs-
schauplatz angemaßt und wird so-
lange wie möglich fortfahren,
preußische Interessen mit österrei-
chischen Truppen zu verteidigen.
Die jammervolle Doppelmonar=
chie ist an den „preußischen“
Kriegswagen eschmiedet (Lhe
wretscheo Dual-Monarchy is being
dragged at the tail of the Prussian
War chariot), und wenn die Oester-
reicher Preußens Zwecken gedient
haben, wird man sie ihrem Schick-
sal überlassen.“
Kommentar überflüssig! — Wir wollen nur bemerken, daß uns ein
Wort „wretched“ (jammervoll) zum mindesten nicht sehr höflich er-
scheint; es steht aber in vollem Einklang mit der Tonart der gesamten