ratur einen immensen Inhalt der Zivilisation hatte. In
diese Kirche gingen nunmehr auch die Germanen ein.
Wie die Römer in den germanischen Hof- und Kriegs»
dienst, so traten die Germanen in den geistlichen Dienst,
wie wir z. B. bei den Westgoten und im fränkischen
Reiche eine Menge Germanen als Bischöfe finden; im
letzteren hatten die Könige eine Zeitlang die größte
Autorität über die Bischöfe, ja sie setzten dieselben
geradezu ein; je machtloser aber die merowingischen
Könige wurden, desto höher stieg die Autorität der Bis
schöfe, ohne damals schon von Rom abzuhängen.
Die weitere Frage ist, wie Dogma und Kultus dieser
Kirche den Barbaren beigebracht werden konnten, wie
sie fähig waren, ein Dogma, das durch die tiefsinnigsten
Kombinationen gebildet war, in sich aufzunehmen, und
wie der Kultus der reinen Religion mit dem durch die
Kriege und in den Kriegen verwilderten germanischen
Wesen verschmolzen werden konnte.
Das Dogma wurde den Germanen als reine Formel
überliefert, ohne daß man sich um den Inhalt beküm:
merte, und in den Kultus mischte sich auf sonderbare
Weise der heidnische Götzendienst. Wenn aber auch
das Dogma in einer Formel begriffen war, so hatte doch
diese Formel die Wahrheit in sich, und es konnte sich
später doch wieder ein Gefühl für das Mysterium entwickeln;
ja, es war jenes der einzige Weg, auf dem
das Christentum diesen Völkern beigebracht werden
konnte.
Auch in der Kultur und Literatur standen sich zwei
verschiedene Elemente gegenüber: die römische Kultur
und Literatur der späteren Zeit hatte sich rein resümierend
verhalten; die Doktrin wurde in den überall vor:
handenen Schulen als etwas Gewonnenes den Gemütern
überliefert, von einer Forschung war in keinem Zweige
der Wissenschaft mehr die Rede. Mit dieser etwas ver:
knöcherten römischen Literatur kam nun gleichfalls das
Germanentum mit seiner Poesie und seinen Sagen in
45