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Anfang des 19. Jahrhunderts auch die reformirten Einwohner am
Gebrauche der Kirche betheiligt sind, ohne dass ersichtlich wäre,
seit wann dieses Verhältniss eingetreten wäre“, so beweist das
einmal die Möglichkeit der Neuentstehung von Simultaneen und
andersmal gerade durch Zeitablauf. Denn obwohl es häufig
zu Misshelligkeiten zwischen den Lutheranern und Reformirten
gekommen ist, und auch die Regierung durch Verfügungen ein-
gegriffen hat, so ist doch niemals an der Berechtigung gezweifelt
worden, bis 1822 durch die Union diese Schwierigkeiten von selbst
fortgefallen sind.
Auch in dem im Archiv f.k.K.R. 40, 281 ff. mitgetheilten
Rechtsfalle wurde das behauptete Gebrauchsrecht auf unvordenk-
lichen Besitzstand gegründet. Zwei Instanzen entschieden, dass
der unvordenkliche Besitzstand den Ersatz für den unerweislichen,
in Vergessenheit oder in Verlust gerathenen Rechtstitel bilden
könne. Ebenso wurde in dem Archiv £f. k. K.R. 25, 1 ff. dar-
gestellten Falle die Klage auf 30jährigen ruhigen Öffentlichen
und ununterbrochenen Besitz gestützt.
Wenn man der Sache auf den Grund geht, so sind überhaupt
die meisten bestehenden Simultaneen lediglich auf den Rechts-
titel des langdauernden Besitzes zu fundiren. Alle andern Rechts-
titel verstossen zumeist gegen J.P.O. und sind darum nichtig ?°).
Die Ansicht der hessischen Gerichte in den erwähnten Fällen
ıst daher zu billigen, es sei denn, dass ein ausdrückliches Ver-
botsgesetz im Wege stände.
Unter derselben Voraussetzung wäre also auch noch heute
eine Neubildung von Simultaneen zum mindesten Joch theo-
retisch denkbar. Nehmen wir z. B. an: Es wird Anfangs die
Kirche gelegentlich auf Bitten eingeräumt. Hieraus erwächst
eine Uebung. Es wird die Bitte nicht mehr wiederholt. Die Beweise
für den Ursprung des Gebrauchs gehen verloren, die Urkunden ver-
brennen, die Zeugen sterben. So ist das Recht erwachsen, wenn
45) Vgl. S. 15. Anm. 43 und 44.