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Beschränkung des Wollendürfens des einzelnen kann das Gesamtwohl ge-
deihen. Einem Kompromisse zwischen ihnen verdankt das Verwaltungs-
strafrecht seine Existenz. Um die Rechtsverfassung zu schaffen und zu
erhalten, bedarf es eines Trägers des allgemeinen Willens, welcher den-
selben erklärt, soweit er sich nicht durch Gewohnheit offenbart, und welcher
den hierdurch geschaffenen Machtzustand durch Zwang aufrecht erhält. Ebenso
bedarf die menschliche Gesellschaft eines Willensträgers zur Durchführung
der Verwaltung. Beide Funktionen übernimmt der Staat, die eine als
blosses Organ des allgemeinen Willens, also ohne selbständigen Willen, die
andere, welche nur durch Handeln, nicht durch Erklärungen oder Vor-
schriften verwirklicht werden kann, als Träger eines selbständigen, vom all-
gemeinen Willen verschiedenen Willens. — Der einzelne Willensträger
kann sich nun gegen den allgemeinen Willen, die Rechtsverfassung, auf-
lehnen, wodurch materiell eine Beeinträchtigung der Machtsphäre eines
anderen Willensträgers (Rechtsgüterbeeinträchtigung), formell eine Verletzung
des allgemeinen Willens (Rechtswidrigkeit), erfolgt (S. 540). Durch eine
solche Auflehnung wird eine Reaktion des Staates als Vertreters der Rechts-
ordnung hervorgerufen, welche formell in einer Gegenerklärung (Richter-
spruch), materiell in der Wiederherstellung der beeinträchtigten Machtsphäre,
oder, wo dies infolge Verletzung eines ideellen Rechtsgutes nicht ausreicht, in
der Beeinträchtigung der Machtsphäre des Verletzenden, das ist in dessen
Bestrafung, besteht. Wann, inwieweit und in welcher Art Strafen erfolgen
sollen und dürfen, kann, weil dadurch die von der Rechtsordnung geschaffene
Abgrenzung der Machtsphären der einzelnen Willensträger (auch die des
heutzutage allein strafberechtigten Staates) und somit die Rechtsordnung
selbst wesentlich betroffen werden, nur durch Erklärungen des allgemeinen
Willens, also durch Rechtssätze bestimmt werden.
Ganz anders verhält es sich mit der Beeinträchtigung des öffentlichen
Wohles, d. h. eines subjektlosen Gutes des Publikums. Hier kann von
einer Auflehnung gegen die Rechtsverfassung, von einer Rechtswidrigkeit
oder einer Rechtsgüterbeeinträchtigung nicht die Rede sein. Hier sucht nun
Gorpschmivt das Eingreifen der Staatsgewalt auf folgende Weise zu er-
klären: Aus dem Umstande, dass die Gesamtheit dem Staate die Aufgabe
der Gesamtwohlförderung übertragen, ergiebt sich die Pflicht jedes ein-
zeinen Gliedes der Gesamtheit zur Unterstützung dieser staatlichen Thätig-
keit (8. 547). Um diese Unterstützung nötigenfalls erzwingen bezw. gegen
cie pflichtwidrige Unterlassung dieser Mitwirkung reagieren zu können, hat
die menschliche Gesellschaft dem Staate überdies Zwangsbefugnisse gegen
ihre Mitglieder eingeräumt (S. 550). Nun ist das öffentliche Wohl ein
ideales, unerreichbares Ziel und daher die reale, auf Förderung dieses
Wohls gerichtete staatliche Thätigkeit (die Staatsverwaltung) mit ihrem
idealen Zwecke inkommensurabel, d. h. kann nicht Gegenstand einer ob-
Jektiven Beurteilung und Bestimmung sein. Es muss daher dem mit der