Full text: Archiv für öffentliches Recht.Achtzehnter Band. (18)

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und mächtigen Nachbaren. Die Schweiz ist eben, was Import und Export 
anbetrifit, viel stärker auf das Ausland angewiesen als das Ausland auf sie. 
Das wird sich, wie der Referent hinzufügen möchte, auch bei den zukünf- 
tigen Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland, wo die Schweiz wenig 
Glück mit den bereits jetzt angedrohten extremen Gegenmassregeln haben 
wird, zeigen. Der Hauptfehler aber der schweizerischen Wirtschaftspolitik 
liegt, wie gesagt, in ihrer Notenbankpolitik, d. h. in dem Fehlen einer vom 
Bunde errichteten Zentralbank, gegen die föderalistische Prinzipienreiter und 
Interessierte sehr kurzsichtig bezw. mit sehr durchsichtigen Gründen zu 
Felde ziehen, und ferner in der Zugehörigkeit der Eidgenossenschaft zur 
Lateinischen Münzunion, die die kleine Schweiz dem grossen Frankreich in 
währungspolitischer Hinsicht bedingungslos überliefert hat. 
In Fachkreisen, die sich mit dem Notenbankwesen eingehender zu be- 
schäftigen pflegen, ist längst anerkannt, dass die grosse Anzahl von kanto- 
nalen Banken mit dem Notenprivileg in der Schweiz eine vernünftige Diskont- 
politik, welche die Interessen des Landes denjenigen der einzelnen Bank 
voranstellt, unmöglich macht. Die einzelnen Notenbanken sind, um ihre 
Noten im Umlaufe zu erhalten, genötigt, sich gegenseitig im Diskontgeschäft 
zu unterbieten, und jagen sich gegenseitig ihre Barschaft ab. Sobald aber 
ein Notenmangel eintritt, wird das Aktienkapital erhöht, damit man vom 
Bunde ein höheres Kontingent bewilligt bekommt. Dazu kommt noch, dass 
die meisten schweizerischen Notenbanken in ihrem Geschäftskreis nicht be- 
schränkt sind und sämtliche Arten von Bankgeschäften betreiben dürfen. 
Die Notenbanken bewilligen also nicht nur den Kredit zu billigen Sätzen, 
sondern stellen auch an die Qualität der diskontierten Wechsel nicht allzu 
strenge Anforderungen. Alle diese Umstände, zu denen noch eine ganz un- 
ıationelle Notenbesteuerung hinzutritt, wirken zusammen, um den Noten- 
banken jede Kontrolle über den Geldmarkt zu rauben und ihnen eine ziel- 
bewusste Diskontpolitik, die den einheimischen Geldmarkt und den Barvorrat 
der Banken gegen den Edelmetallabfluss schützt, wobei namentlich der Ab- 
fluss nach Frankreich in Frage kommt, ungemein zu erschweren. 
Nun hat man sich freilich dadurch zu helfen gesucht, dass wenigstens 
die grösseren Institute sich zu einem Konkordat — „Konvenium“ genannt — 
vereinigt haben. Aber dieses „Konvenium“ hat nur vorübergehend eine 
einheitliche Diskontpolitik, die dem Edelmetallabfluss energisch entgegen trat, 
zuwege gebracht. In der Regel versagte auch dieses Mittel. Es fehlt also 
in der Schweiz wie in Oesterreich, obgleich in letzterem, Lande eine Zentral- 
bank besteht, an einer gesunden und kräftigen Diskontpolitik, wie sie die 
deutsche Reichsbank seit langem betreibt. Eine solche Politik kann aber 
nur durch ein Zentralinstitut, das der Bund errichtet und das mit der 
famosen „Kantönliwirtschaft* energisch aufräumt, erreicht werden; und so 
gipfeln die Refornıvorschläge KALkmAanns in der Forderung nach der end- 
lichen Verabschiedung eines Bundesgesetzes, das die Schaffung einer Zentral-
	        
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