Contents : Geschichte der Hohenzollern.

—  1313  —

daß  sich  Friedrich  Wilhelm  1.  durch  die  Drohungen  der  Kaiserin  Anna,  welche
einen  Preis  von  100,000  Rubel  auf  seinen  Kopf  gesetzt  und  gedroht  hatte,  daß
sie  den  hohen  Flüchtling  mit  gewaffneter  Hand  abholen  lassen  würde,  schrecken
ließ.  Trotz  aller  seiner  Bemühungen  konnte  Seckendorf  den  König  zu  keinem
unwürdigen  Beschluß  veranlassen,  obwohl  er  ihm  wiederholentlich  darlegte,  wie
wenig  Unterstützung  von  Frankreich  zu  hoffen  sei,  wenn  es  wirklich  zu  einem
Bruche  mit  Rußland  kommen  sollte.  Sehr  ehrenhaft  erklärte  er  sich  gegen  den
kaiserlichen  Gesandten  in  folgender  Weise:  „Sobald  die  Stadt  Danzig  sich  an
die  Russen  und  Sachsen  zu  übergeben  in  der  Noth  befunden,  hätte  der  König
von  Frankreich  und  Stanislaus  selbst  an  ihn  geschrieben,  und  um  Schutz  und
Aufenthalt  in  seinem  Lande  gebeten.  Er  hätte  beide  Briefe  bis  auf  diese  Stunde
unbeantwortet  gelassen,  da  indessen  Stanislaus  aus  Danzig  entkommen  wärr
und  sich  ohne  sein  Wissen  Anfangs  nach  Marienwerder,  hernach  nach  Insterburg,
Marienburg  und  Johannisburg  in  seine  preußischen  Lande  geflüchtet  hätte.  Ob
ihm  nun  wohl  die  Drohung  der  Zarin,  den  Stanislaum  aus  seinen  Landen  mit
Gewalt  wegzunehmen,  mit  Fug  und  Recht  Ursach  gegeben  hätte,  sich  des  Stanislai
  Person  öffentlich  anzunehmen  und  zu  deklariren,  daß  er  nach  allgemeinem
Völkerrecht  einen  unglücklichen  Herrn,  den  ehedem  Ihre  kaiserliche  Majestät  und
ganz  Europa  vor  einen  König  erkannt,  in  seine  Protektion  zu  nehmen  berechtigt
  wäre,  um  so  mehr,  da  nach  der  für  Schweden  unglücklichen  Schlacht  bei
Pultawa  derselbe  Stanislaus  nach  Kolberg  in  Pommern  sich  geflüchtet,  und
allda  eine  geraume  Zeit  aufgehalten,  ohne  daß  der  Zar  solches  übel  genommen
oder  dessen  Wegnehmung  gedroht,  so  habe  er  doch  nur  die  Freundschaft  von
Rußland  möglichster  Dinge  beizubehalten,  ein  öffentliches  Asylum  an  Stanislaus
zu  versprechen  nicht  rathsam  gefunden,  hingegen  im  Geheim  die  Ordre  gestellt,
sich  des  Stanislai  Person,  wenn  sich  dieselbe  in  seinen  Landen  befinde,  zu  versichern,
  und  an  einen  haltbaren  Ort  in  Preußen,  auch  wider  seinen  Willen  zu
bringen,  welches  auch  wirklich  erfolgt,  und  würde  vermuthlich  nunmehr  Stanislaus
  in  Pillau  angekommen  sein,  von  da  er  selbigen  zu  Wasser  bis  Stettin
transportiren  lassen  und  so  lange  in  sicherer  Verwahrung  halten  wollte,  bis  ihm
des  Kaisers  Willensmeinung,  was  zu  Dero  Vortheil  durch  des  Stanislai  Person
ausgerichtet  werden  könnte,  zukäme.“

Obgleich  diese  Antwort  eine  hinlänglich  verständliche  Kritik  der  schon  gemachten
  Anforderungen  des  kaiserlichen  Hofes  enthielt,  so  verlangte  man  nicht
nur  auch  ferner  noch  die  Auslieferung  des  unglücklichen  Königs  an  Rußland
oder  Oestreich,  sondern  fügte  auch  noch  ein  Reizmittel  hinzu,  welchem  Friedrich
Wilhelm  I.  von  allen  Verführungen  der  Welt  am  allerschwersten  Widerstand  zu
leisten  vermochte.  Lange  schon  hatte  er,  und  zwar  unter  Aufopferung  mancher
politischen  Vortheile,  mit  dem  sächsischen  Hofe  unterhandelt,  ihm  das  Rutowskische
  Regiment,  welches  eine  Auswahl  der  schönsten  und  langgewachsensten  Leute
enthielt,  abzulassen.  Jetzt  bot  man  ihm  das  erste  Bataillon  desselben  an,  sobald
er  seine  Hand  von  dem  unglücklichen  Flüchtling  abziehen  wollte.  Man  muß  die