Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

416  Sechstes  Buch.  Erniedrigung  und  Wiedergeburt.

selbst  führte  dort  seine  Truppen  dem  König  vor  und  lieferte,
rührselig  wie  er  war,  in  einem  der  ihm  eigenen  Gefühlsaus—
brüche  ein  Seitenstück  zu  der  Scene,  die  er  einst  am  Sarge
Friedrichs  des  Großen  aufgeführt  hatte  (S.  380),  indem  er  den
König  umarmend  ausrief:  „Nicht  wahr,  keiner  von  uns  beiden
fällt  allein?  Entweder  keiner  von  beiden  oder  beide  zusammen!“
Konnte  Friedrich  Wilhelm  noch  an  seiner  Festigkeit  zweifeln?
Mehr  denn  je  war  er  entschlossen  auszuharren.  Nun  war
Hardenberg  vollends  sein  Mann.  Nicht  bloß  das  Auswärtige
übertrug  er  ihm,  sondern  auch  das  Innere  und  die  oberste
Leitung  der  Verpflegung  des  Heeres,  legte  also  eine  ungeheure
Machtfülle  in  seine  Hand.  Zastrow  wurde  entlassen.  Auch  seine
Gesinnungsgenossen  waren  mit  ihren  Intriguen  bald  zu  Ende
und  räumten  das  Feld.  Denn  schon  sahen  sie  hinter  Hardenberg
  Stein  sich  drohend  erheben,  den  zum  Mitarbeiter  zu  gewinnen
  jener  entschlossen  war.  Um  seine  Rückkehr  ins  Amt  anzubahnen,
  hatte  er  des  Königs  Ruf  Folge  geleistet  ohne  die
Garantien,  die  jener  einst  gefordert  hatte.

Nun  schwanden  auch  die  Bedenken,  welche  die  russischen
Diplomaten  gegen  ein  engeres  Bündnis  mit  Preußen  gehegt
hatten.  So  eröffneten  sich  große  Aussichten.  Denn  dann  konnten
Schweden  und  England  nicht  zurückbleiben,  und  auch  Oesterreich,
  so  schien  es,  mußte  handeln.  In  dem  preußischen  Städtchen
Bartenstein  unterzeichnete  Hardenberg  mit  Budberg,  dem  russischen
  Minister  des  Auswärtigen,  am  26.  April  ein  Schutzund
  Trutzbündnis.  Es  bedeutete  für  Preußen  einen  ersten
großen  Erfolg,  insofern  ihm  darin  Rußland  die  europäische
Stellung,  deren  Rückgabe  Napoleon  ihm  durch  Bertrand  anzubieten
  die  Gnade  gehabt  hatte,  weil  er  sich  von  ihrer  Notwendigkeit
  überzeugt  haben  wollte,  unter  Zustimmung  des  in
Bartenstein  vertretenen  England  und  auch  Schwedens  als  etwas
eigentlich  Selbstverständliches  zusprach  und  als  unentbehrlich
anerkannte  für  die  Herstellung  einer  dauernden  Ordnung  in
dem  befriedeten  Europa.  Während  ein  Vertrag,  den  am
20.  April  in  Bartenstein  Preußen  und  Schweden  schlossen,  ihr
Zusammenwirken  zur  Befreiung  Pommerns  ordnete,  entwarf  der
russisch-preußische  vom  26.  April  ein  Programm  für  die  künftigen