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tionen um die Macht abspielte, in denen der Gedanke der Einigkeit mehr
und mehr verblaßte und die Parteien die Fühlung mit den wirklichen
Volksinteressen verloren. Die Schwierigkeiten, mit denen er im Reichs-
tage zu kämpfen hatte, entsprangen nicht der gesunden Opposition natür-
licher Volksinteressen, sondern dem Streben der Parteiführer, die Regie-
rung von sich abhängig zu machen“ (HERRFAHRDT S. 61).
Dies führte Bismarek im Jahre 1881 zu dem Versuche, sich
zur Unterstützung der Regierung in wirtschaftlichen Fragen
neben dem Parlamente ein besonderes Organ, den Volks-
wirtschaftsrat, nach dem Vorbilde des im November 1880
gebildeten preußischen Volkswirtschaftsrates zu schaffen, da ein
Ersatz des Reichstagswahlrechtes durch eine allgemeine berufs-
ständische Vertretung bis auf weiteres als ausgeschlossen erscheinen
mußte. Dieser Plan scheiterte an der Besorgnis des Reichstages,
daß der Volkswirtschaftsrat als ein der Regierung gefügiges Neben-
parlament zur Ausschaltung der Volksvertretung benutzt werden
könnte. Und hierbei ist es geblieben bis zur Auflösung des alten
Reiches im November 1918. Erst heute ist auf Grund von $ 165
der neuen Reichsverfassung neben den Reichstag eine besondere
berufsständische Vertretung der sozialpolitischen und wirtschafts-
politischen Interessen in Gestalt des Reichswirtschafts-
rates als eines im wesentlichen nur beratenden und begutachten-
den Organes gesetzt worden. In den deutschen Ländern fehlt es
bis jetzt an einer solchen Einrichtung. Sie ist aber auch hier
ein dringendes politisches Erfordernis. Dies wird von HERRFAHRDT
a. a. OÖ. S. 152 mit folgenden treffenden Worten begründet:
„Die gegenwärtige Lage können wir kennzeichnen als ein Mißverhält-
nis zwischen Staatsform und Bau des Volkskörpers. Die lebendigen
Volkskräfte finden in der Verfassung keinen Platz, sich geltend zu machen,
und werden dazu gedrängt, ihre Macht gegen den Staat auszuwirken,
statt in ihm mitzuarbeiten. Um dies Mißverhältnis zu überwinden, sind
zwei Wege denkbar. Der eine, vollkommenere Weg wäre der, daß es
wieder gelänge, große politische Ideale lebendig zu machen und mit deren
Hilfe Angehörige aller Klassen über die wirtschaftlichen Gegensätze hin-
weg zu einer geschlossenen Macht zu vereinigen, auf die sich eine Regie-
rung stützen kann Der gegenwärtige seelische Zustand des deutschen