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sammensetzung des Etappenpersonals. War man einerseits viel zu kleinlich, ließ
man anderseits namentlich im letzten Jahre die JZügel zu schlapp hängen. Je mehr
die Kriegsmüdigkeit stieg, desto fester mußte ein vernünftig gezogener Rahmen
der Distiplin aufrechterhalten werden, der den Soldaten den nötigen Halt gegeben
hätte. Statt dessen ließ man die Zucht sich vielfach bis zur Schlampigkeit lockern.
Aber, wie gesagt, diese Dinge waren nach den einzelnen Truppenteilen verschieden
und sind wohl kaum der Obersten Heeresleitung zur Last zu legen; dafür haben
die anderen Stäbe zu sorgen. Aber auch diese Dinge trugen wesentlich dazu bei,
bie Stimmung zu verderben.
Ludendorffs Feldherrnpläne rechneten zu lange mit Truppen, wie er sie seit Jahren
gewohnt war, und nicht mit Truppen, deren Stimmung durch verschiedene Miß-
stände und eine ungeheure Menge erlogener Hetzarbeit verdorben war. Daran
scheiterten seine Pläne, nur daran; nicht am Mangel an Material und nicht am
Mangel an Mannschaften. Wenn ihm eine militärische Schuld zuzuschieben ist, so
war es lediglich die Duldung dieser Hetzarbeit und namentlich seine Duldung der Un-
kerdrückung der Gegenarbeit. Es wäre immer noch besser gewesen, der äußersien Linken
gleichzeitig freie Meinungsäußerung zuzugestehen als ihr und den Alldeutschen den
Maulkorb vorzubinden. Denn die Alldeutschen hatten zwar nur eine geringe Anzahl
Mitkämpfer und eine kleine Presse, aber sie hatten die Wahrheit und die gute Sache
für sich. Jene Menge Lüge und Verhetzung, die durch das Freilassen der äußersten
Linken zu den Lug= und Truggeweben ihrer gemäßigten Freunde hinzugekommen
wäre, hätte auch nichts mehr ausgemacht, insbesondere, da sie über genügend viel
unterirdische Kanäle verfügke, um an die Leute zu gelangen, während den Alldeutschen
fast nur das offene gedruckte Wort zur Verfügung stand.
Stimmung.
Erste Tatsache: Die Wesifront wankt. Eine deutsche Offensive stößt ins
beere; ein geschickt angelegter Gegenstoß von der Flanke her zwingt dazu, die
ganzen Frontteile zurückjunehmen. Eine zweite feindliche Offensive weiter nörd-
lich endet, begünstigt vom Nebel und der Tanksüberraschung, mit einer schweren
deutschen Schlappe und einem tiefen Einbruch in die deutschen Linien. Glücks-
zwischenfälle, wie sie sich in jedem Krieg ereignen. Aber nun folgen Angriffe auf
Angriffe von den Vogesen her bis zur Nordsee, überall erringt der Feind Erfolge;
die ganze deutsche Front weicht; Ostende und Brügge müssen geräumt werden.
Als Ursachen kommen vier Möglichkeiten in Betracht. Entweder hat die Heeres-
leitung versagt. Oder die feindliche, quantitative und qualitative Ubermacht an
Menschen und Material ist tatsächlich an der ganzen Front zu groß. Oder Foch
versteht es, durch seine ausgezeichneten Transportmittel an die Offensiostellen je-
weilig eine Ubermacht zu werfen, der die deutschen Truppen beim besten Willen
nicht sfandzuhalten vermögen. Oder es fehlt am besten Willen. Die deutschen
Truppen oder Teile davon könnten wohl, aber sie mögen nicht mehr.
Zweite Tatsache: Nach wenigen Wochen Kockt der Fochsche Angriff. Die
Front ist beim Rüchzug nirgends zerrissen; also hat die Heeresleitung nicht ver-
sagt. Die verhältnismäßige Überlegenheit des Feindes über das deutsche Heer
an frischen Menschen und ausgejeichnetem Material ist geblieben; trotzdem hält
die deutsche Front jetzt stand. Also kann auch das Mehr an Menschen und Material
nicht die Ursache der feindlichen Siege gewesen sein. Bleibt nur der mangelnoe
Wille der Truppen oder deutscher Truppenteile. Es ist nicht mehr der alte Geist,