richtungen ab. Heute würde mein Programm und meine Person freudig
begrüßt werden, hoffentlich auch noch in drei Wochen; aber der Drang
der Unruhe sei groß. Die Dinge trieben zu einer Entwicklung, in der ein
rein parlamentarisches System gefordert werden und man nur noch die
VWahl haben würde zwischen einem Ministerium Fehrenbach oder einem
Ministerium Scheidemann.
„Wenn Hoheit das Kanzleramt in diesen Formen und mit diesen Ab-
sichten übernimmt, so kann ich die Milderung des parlamentarischen
Systems, die in der fürstlichen Herson des Kanzlers liegt, aus bester Aber-
zeugung mitmachen und unterstützen. Wenn die Kombination scheiterte
oder Mißerfolg hätte, dann weiß ich nicht, ob nicht im Dezember oder
Januar die schroffe Forderung eines rein parlamentarischen Systems ein
wichtiges Mittel zur Beeinflussung der Weltstimmung und des Friedens
werden könnte."“
Mit denkbarer Entschiedenheit stimmte Haußmann meinem auswär-
tigen Programm zu: „Kein Friedensangebot, sondern Kriegszielprokla-
mierung und Aufruf zur nationalen Verteidigung.“ Er stützte unsere Auf-
fassung durch zwei wichtige Dokumente, die er aus der Schweiz mit-
gebracht hatte.
Das eine war ein Brief von Hermann Stegemann vom 27. Au-
gust 1918:
„Die Ereignisse, die heute im Rückzug der deutschen Armee auf Cambrai-
St. Quentin gipfeln, lagen von der Entwicklung vorgezeichnet, als Fochs An-
griffsmassen, ins Zentrum der Bewegung manövriert, am 18. Juli zum Gegen-
stoß aus der Flanke übergehen konnten. Es hat keinen Zweck, zu fragen, wie es
zu dieser strategischen Wendung kommen konnte, doch wird man sich darüber
klar sein müssen, daß die Wiederherstellung der strategischen Lage auf rückwär-
tigen Linien eine Vorbedingung der weiteren kriegerischen Abwicklung ist und
daß die deutsche Heeresleitung ihrer ganzen, großen gedanklichen Konzentrations-
kraft und Kombinationsgabe bedarf, um diese entsagungsvolle Aufgabe durchzu-
führen.
Andererseits bedarf die politische Leitung des Deutschen Reiches einer klaren
Einsicht in die militärische Lage, um den Krieg, der sich mehr und mehr der mili-
tärischen Behandlungs- und Betrachtungsweise und der Schwertführung ent-
zieht, aus drohender „Verewigung“ zu erlösen und um ihrerseits die Offensive
auf die Hörner zu nehmen.
Ich halte nämlich eine große politische Offensive für absolut notwendig, und
zwar eine Offensive, die dem Feinde die politischen Argumente, die seinen Kriegs-
willen über das rein Militärische hinaus zum Bölkerwollen gesteigert haben, aus
den Händen nimmt. Die deutsche Staatsleitung ist gegenüber dem kampffähigen
Gegner stets in der politischen Defensive geblieben, während die Heeresleitung sich
richtig und bis zur Kühnheit schrankenlosen Angriffsgeistes auf die Offensive ver-
legt hat. Dolitische Offensive heißt nichts anderes, als endlich Klarheit in der bel-
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