Full text: Prinz Max von Baden. Erinnerungen und Dokumente.

In mein Quartier zurückgekehrt, traf ich Max Warburg. Er hatte 
schon von der furchtbaren Zumutung gehört, die an mich gestellt wurde, 
und war überzeugt, daß wir verloren wären, wenn wir diesen Weg gingen. 
Ich dürfe nicht annehmen. Der neue Kanzler wäre von vornherein lahm- 
gelegt. „Wenn die Militärs die Lage so ansehen, dann lassen Sie sie selbst 
mit der weißen Fahne herübergehen.“ Ich sollte mich nicht mißbrauchen 
lassen, es käme der Tag, wo man mir die Verantwortung zuschieben würde. 
Ich entgegnete ihm, der Schritt von Armee zu Armee wäre die Kapi- 
tulation im Felde. So weit wären wir noch nicht. 
Das von mir herbeigeführte Gespräch zwischen Warburg und Haeften 
fand in meiner Gegenwart statt. Warburg schilderte die Amerikaner, wie 
er sie von seiner Geschäftserfahrung her kannte: die besten Vertreter in 
ihrer Vornehmheit und ihrem PVerantwortungsgefühl, und dann die 
europafremden eigensinnigen Formalisten. Wenn wir uns jetzt demütigten, 
dann würde nicht der gute Typ die Lage beherrschen, sondern der andere. 
„Wilson kann sich dann gegen das Darteiwesen nicht durchsetzen, passen 
Sie auf, er fordert die deutsche Republik!“ 
Zum Schlusse sagte er: „Es kommt mir seltsam vor, daß ich als Ziovilist 
den Militärs heute zurufen muß: Kämpfen Sie weiter. Ich weiß, daß mein 
einziger Sohn, der jetzt ausgebildet wird, in vier Wochen im Schützen- 
graben ist; aber ich beschwöre Sie, machen Sie jetzt nicht Schluß.“ 
Haeften aber zog sich auf die Parole zurück, die in diesen Tagen wie 
eine Zwangsvorstellung das militärische Denken zu beherrschen schien: die 
Armee braucht Ruhe. 
Am frühen Nachmittag sprach ich den Grafen Westarp. Die Konser- 
vativen hatten sich am Morgen des Tages bereit erklärt, auf den Boden 
des kaiserlichen Erlasses vom 30. September zu treten und sich auch unter 
Opfern der #berzeugung an einer Negierung zu beteiligen, die es sich 
zur Aufgabe mache, alle Kräfte des Volkes in geschlossener Einheitsfront 
für die ehrenvolle Beendigung des Krieges einzusetzen. Ich war mehr denn 
je davon überzeugt, daß die Rechte in diesem Augenblick draußen bleiben 
müßte. Waren Arbeitervertreter nicht in der Regierung, so konnte ein Auf- 
ruf zur nationalen Verteidigung auf keine Resonanz bei den Massen 
rechnen; und die Sozialdemokraten waren unter keinen Umständen bereit, 
mit den Konservativen zusammenzuarbeiten. Die Wirkung nach außen fiel 
noch schwerer ins Gewicht. Der Eindruck der Schwäche und Unaufrichtig- 
keit würde verstärkt werden, wenn die Anhänger des Annexionsfriedens sich 
plötzlich die Grundsäctze des Dräsidenten Wilson zu eigen machten. 
Graf Westarp erwiderte: Selbstverständlich würde seine Partei nach 
wie vor ihre Hflicht dem Vaterlande gegenüber erfüllen. Der Umstand, 
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