ministers des jeweiligen Kontingents abhängig zu machen. Die Kriegs-
minister selbst sollten dem Reichstag und dem Bundesrat für ihre Ver-
waltung verantwortlich sein. "
Das Kabinett sah der Sitzung mit schweren Sorgen entgegen. Die Un-
abhängigen, Elsässer und Polen hatten vor, der Welt zu verkünden, daß
sie keine Furcht mehr vor der deutschen Macht hatten.
Die Anabhängigen wollten die Arbeiter gegen die nationale
Verteidigung mobil machen.
Scheidemann war sehr beunruhigt, wie nach diesem Vorstoß die Re-
gierungssozialisten vor den Massen dastehen würden. Er hatte erklärt,
ohne die Begnadigung Liebknechts sei er dem Ansturm nicht gewachsen.
Liebknecht stünde als der große Märtyrer da, der immer Frieden und
Waffenstillstand gefordert hätte. Der Staatssekretär bestand auf seiner
Meinung, daß Liebknecht im Gefängnis gefährlicher sei als draußen. Ich
traute damals seinem Gefühl für die Stimmung der Arbeiter und hielt
es für lebenswichtig, daß die Mehrheitssozialdemokraten ihre Macht in
den Gewerkschaften behaupteten. Daher setzte ich am 21. Oktober die Be-
gnadigung Liebknechts gegen den Widerstand des Vorsitzenden des Reichs-
militärgerichts und des Kriegsministers durch.
Die Elsässer wollten die Autonomie zurückstoßen.
Ohne unser Waffenstillstandsangebot wäre der Status als gleich-
berechtigter Bundesstaat noch Anfang Oktober willkommen geheißen
worden. Aber unsere Ohnmachtserklärung, verbunden mit der vorbehalt.
losen Annahme des 8. Wilsonschen Punktes! richtete naturgemäß die
Augen der Elsässer nach Frankreich, weniger sehnsüchtig als angstvoll.
Manche altdeutschen Familien hatten sofort nach dem 5. Oktober ihren
Grundbesitz verkauft und brachten sich und ihr Mobiliar nach Deutschland
in Sicherheit. Kaufleute richteten ihre Worte und Handlungen so ein, daß
sie auch später in Frankreich Geschäfte machen konnten. — Das Elsaß war
Etappengebiet gewesen. Die Behörden standen der Bevölkerung mit Miß-
trauen gegenüber; so hatten die unvermeidlichen Kriegslasten sich im Laufe
der Jahre zu unerträglichen Bedrückungen gesteigert. Jetzt wagte sich der
Haß gegen die deutsche Militärverwaltung heraus und drängte die natür-
lichen wirtschaftlichen Rücksichten zurück, die nach Deutschland wiesen. Es
war klar: die Majorität der Bevölkerung war nicht mehr für das Ver-
bleiben bei Deutschland. Vor die alleinige Wahl gestellt, „zu Frankreich
oder zu Deutschland“, würde Elsaß-Oothringen sich in diesem Augenblick
für Frankreich entscheiden. Aber die Parole „Selbstbestimmungsrecht der
1 Siehe oben S. 355 Anm.
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