geschilderten Umständen bei dem vom Kriegsminister gegebenen Befehl
bleiben solle. Bergh sagte, daß der Kriegsminister nicht mehr zu erreichen
wäre, sprach aber seine eigene Ansicht aus: Leben und Eigentum und die
Regierungsgebäude sollten geschützt werden, das müsse geschehen mit
Schußwaffe oder blanker Waffe, so gut es ginge.
Ich räumte Herrn Ebert das Bibliothekzimmer ein für seine Verhand-
lungen. Er hatte die Führer der Anabhängigen zu sich bestellt; Haase
war noch nicht aus Kiel zurück — die Abgeordneten Cohn-Nordhausen,
Dittmann und Vogtherr hatten sich eingefunden. Auf Eberts Wunsch
wohnte Herr v. Dayer dieser Besprechung bei, ohne sich indes an ihr zu
beteiligen.
Nach seinen Mitteilungen! war der Ton keineswegs freundschaftlich,
sondern von beiden Seiten eher gereizt. Ebert eröffnete den Herren ziem-
lich „schroff“ und „von oben herab“, daß die Sozialdemokratische Partei
entschlossen sei, die Regierung zu übernehmen. Er forderte als Neichs.
kanzler die Anabhängigen zur Erklärung auf, ob sie in die Regierung ein-
treten wollten und wie sie sich zu der etwaigen Beteiligung weiterer
Darteien an der Regierung stellen würden. Die Herren wiesen recht
„kleinlaut“ darauf hin, daß sie ohne Rücksprache mit ihren Freunden
überhaupt keine Erklärung abgeben könnten, lehnten aber nicht grund-
sätzlich ab.
Es wurde dann über die Voraussetzungen ihres Eintritts und über die
eventuelle Beiziehung von Angehörigen der Fortschrittlichen Volkspartei
einerseits und von Hiebknecht andererseits hin und her gesprochen, ohne
daß sich ein Teil nach irgendeiner Richtung gebunden hätte. Ebert entließ
dann die Abgeordneten mit einer sehr kurzen Frist für die Abgabe ibrer
Erklärung und fuhr in das Reichstagsgebäude zurück, wo die sozialdemo-
kratische Parteileitung zusammengetreten war.
In den Mittagstunden füllte sich die Wilhelmstraße mit Arbeiter-
zügen, die keinerlei feindselige Haltung gegen die Regierungsgebäude
einnahmen. Wahnschaffe blieb die ganze Zeit vergeblich bemüht, die
formulierte Entschließung des Kaisers zu erhalten.
Da traf um 2 Uhr nachmittags die Nachricht ein, Scheidemann habe
von der Rampe des Reichstags die Republik ausgerufen.2
Das wäre im Munde eines AUnabhängigen keine unwiderrufliche Pro-
klamation gewesen; die Anabhängigen ließen seit Monaten die soziale
1 Vgl. Dayer, a. a. O., S. 164 f.
2 Während Scheidemann die Rede an die Menge hielt, soll im Beratungszimmer
der Partei ein hoher Staatsbeamter mit den Sozialdemokraten über die Regent-
schaft verhandelt haben.
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