202 I, 12. Die answärtige Politik des Fürsten Bismarck (1872—798). Forlsetzung.
schen Angriff beistehen, das, man den Feldzug ernenern lönne, den der Kaiser Nikolans im Jahre
1849 für Österreich (in Ungarn) geführt hatte ..Unfer Krieg 1866 wurde eher mit einer gewissen
Genugthuung gesehen; man gönnte den Osterrcichern das damals in Rußland. Im Jahre 1870,
in unserem französischen Kriege, hatten wir wenigstens noch die Genugthunung, gleichzeitig mit
unserer Verteidigung und siegreichen Abwehr dem russischen Freund einen Dienst im Schwarzen
Meere erweisen zu können (auf der Londoner Pontus-Konferenz 1871, s. oben, S. 17).
Es wäre die Freigebung des Schwarzen Meeres durch die Kontrahenten keineswegs wahrscheinlich
gewesen, wenn nicht die deutschen Truppen siegreich in der Nähe von Paris gestanden hätten.
Wenn sie z. B. geschlagen wären, so, glaube ich, wäre der Abschluß des damaligen Londoner Abkommens
zu gunsten Rußlands nicht so leicht gewesen. Also auch der Krieg von 1870 hinterließ
leine Verstimmung zwischen uns und Rußland“
Bismarck begnügte sich aber nicht bloß mit der Gewinnung der Freundschaft
Osterreichs, mit der Erhaltung und Befestigung der Freundschaft Rußlands, sondern
ihm gelang auch, die seit dem Krimkriege bestehende Entfremdung Osterreichs und
Nußlands auszugleichen und beide Großmächte freundschaftlich zu verbinden.
Mitte 1871 erklärte Graf Benst schon den österreichischen Delegationen betreffs des
Verhältnisses Osterreich-Ungarns zu Rußland: es sei nicht wahrscheinlich, daß jemand
gegen den Freund seines Freundes zum Feinde werde, d. h. die Freundschaft Deutschlands
sichere Osterreich vor russischen Feindseligkeiten. Fürst Bismarck genoß seit
seiner Thätigkeit in Petersburg als preußischer Gesandter (1859— 62) das unerschütterliche
Vertraunen des edlen Zaren Alexander II. von Nußland im höchsten Grade
und fand daher bei dem russischen Selbstherrscher ein williges Ohr für den Ratschlag
der Versöhnung mit Osterreich. Das vornehmlich führte auch Nußland jahrelang unzertrennlich
mit den zwei anderen Reichen, Deutschland und Osterreich-Ungarn, zu dem
Drei kaiserbündnis zusammen. Denn Bismarck stellte den drei hohen Herren bei
ihren Zusammenkünsten jedesmal mit Erfolg vor, daß sie im monarchischen Interesse
gegen die Revolution unendlich viel mehr Gemeinsames zu verteidigen hätten, als sie
getrennt durch Einzeleroberungen gewinnen könnten.
So gelang denn bei der ersten Zusammenkunft der drei Kaiser in Berlin,
in den Dagen vom 5.—12. September 1872, welcher die drei Minister Bismarck,
Gortschakosf und Andrässy beiwohnten, die vollste Verständigung und Ubereinstimmung
„über die allgemeinen Ziele der Politik“ der drei Kaiserreiche, wie die „Provinzialkorrespondenz“
am 8. September mit Befriedigung festslellte. Auch hier kam es,
wie das halbamtliche Blatt meldete, nicht „Zu bestimmteren diplomatischen Vereinbarungen“
in schriftlicher Form. Doch war dies vorbehalten für den Fall, „daß von
irgend einer Seite der Friede thatsächlich bedroht erschiene“.
„Unser Fürst Bismarck“, meldete die „Provinzialkorrespondenz“ weiler, „hat die Bedeutung
der fürstlichen Zusammenkunst soeben dahin zusammengefaßt: die bloße Thatsache derselben werde
Überall als ein den Frieden verbürgender Abschluß der bisherigen großen Ereignisse angesehen
werden, und der allgemeine Glanbe an den Frieden sei ja besonders für die emporbtühende Gewerbthätigkeit
fast ebenso wichtig als die Erhaltung des Friedens selbst. So dürfen denn die drei
Monarchen, welche in diesen Tagen sich die Hand gereicht haben, mit hoher Genugkhuung auf
diese ihre segenverheißende That blicken.“