Full text: Sachsen in großer Zeit. Band I. (1)

38 
ging, wurde die am 4. September in der Gegend von 
Rosenberg ausgeladene und in Eilmärschen vorgezogene 
8. Kavalleriedivision zur überholenden Verfolgung gegen 
des Feindes linken Flügel angesetzt. Die Division erreichte 
am Spätnachmittage des 10. September die Gegend süd- 
westlich Goldap, das von den russischen Bagagen und 
Kolonnen auf die Nachricht vom Anmarsch der deutschen 
Kavallerie fluchtartig 
verlassen worden war. 
Auf ihrem Abmarsche 
hatten die Russen zum 
Teil die Stränge der 
Zugpferde abgeschnit- 
ten und waren unter 
Zurücklassung von etwa 
30 Fahrzeugen auf der 
Kunststraße bei Abra- 
hamsruh in südöst- 
licher Richtung auf= und 
davongejagt. Die l. und 
2. Eskadron des 3. Ula- 
nenregiments „Kaiser 
Wilhelm II., König von 
Preußen Nr. 21“ in 
Chemnitz sowie eine 
reitende Batterie er- 
bielten 0.15 Uhr abends 
den Befehl, die Dioision 
in einer Stellung bei 
Abrahamsruh, etwa 
acht Kilometer südöstlich 
Goldap, gegen Süd- 
osten zu sichern, wo das 
Vorhandensein meh- 
rerer feindlicher Eska= 
drons gemeldet war, 
und zu verhindern, daß 
die Fahrzeuge unter dem Schutze der Dunkelheit wieder ab- 
gefahren wurden. Hierzu nahmen die 1. und 2. Eskadron mit 
der Batterie Sulzberger 7 Uhr abends am Westhang deo 
Höhenzuges östlich vom Gehöft Abrahamoruh an der großen 
Kunsistraße Aufstellung mit Sicherungen im Vorgelände. 
Gegen 8 Uhr abends wurde (von Osten her kommend) 
starkes Pferdegetrappel hörbar. Eine vorgesandte Patrouille, 
Unteroffizier Claus, (2. Esk.) meldete, daß Kavallerie 
im Anmarsch sei, Stärke sei jedoch wegen der Dunkelheit 
nicht fesizustellen gewesen. 8.05 Uhr abends war deutlich 
Lärm an den Fahrzeugen zu hören. Da etwa ein Kilo- 
meter östlich Abrahamoruh der Wald begann, konnte man 
nichts Genaueres erkennen. Der Batterieführer bat daher, 
da er sich infolge Dunkelheit und zu geringer Entfernung 
keine Wirkung versprach, durch eine gewaltsame Erkundung 
Stärke und Tätigkeit der feindlichen Kavallerie festzustellen. 
Da infolge der beinahe völligen Dunkelheit ein Fußgefecht 
ausgeschlossen war, beschlossen Rittmeister Gonthe und 
Schäffer persönlich zur Erkundung vorzugehen, und zwar 
mit sich freiwillig meldenden Unteroffizieren und Ulanen 
der 1. und 2. Eskadron. Mit der Masse der Kavallerie 
vorzugehen, schien nicht ratsam, da sonst die Artillerie in 
ihrer linken Flanke ohne jeglichen Schutz gewesen wäre. 
Als diese beiden Abteilungen, etwa 28 Reiter stark, auf 
ungefähr so Meter an die Bagagen herangekommen waren, 
erhielten sie aus der halben linken Flanke und von der 
Straße selbst starkes Feuer. Sofort wurde „Jur Attacke 
Lanzen gefällt“ kommandiert und im Galopp auseinander 
in Richtung, woher die Schüsse kamen, attackiert. Die 
Attacke führte auf der Straße bio zwischen die Wagen, 
in der Richtung halblinks bis in eine vordere Schützenlinie. 
Es kam zum Nahkampf mit Lanze und Pistole. Da 
  
Ein dem Leben abgelauschtes Bild: Ein sächsischer Soldat ist einer flüchtenden 
Belgierin behilflich, den Kinderwagen zu schieben. Die Frau war vor Aufregung 
schwach geworden 
binter der Schützenlinie halblinks und auch rechts der Straße 
weitere Schützen aus der Dunkelheit auftauchten, mußte 
zurückgegangen werden. Nun eröffnete die Batterie ein 
sehr wirksames Feuer gegen den durch das Mündungs- 
feuer deutlich erkannten Feind. 
Wenn auch bei dieser Attacke leider ein Vizewachtmeister, 
ein Unteroffizier und vier Ulanen gefallen, sowie zwei 
Ulanen schwer verwun- 
det wurden, so war doch 
der Erfolg ein ganz aus- 
gesprochener. Die Ka- 
vallerie, welche der Di- 
vision im Rücken sehr 
gefährlich werden konn- 
te, war zurückgegangen. 
Außerdem war verhin- 
dert worden, daß die 
etwa 30 Fahrzeuge, 
welche mit Lebensmit- 
teln usw. beladen wa- 
ren, während der Nacht 
vom Feinde wieder 
zurückerobert werden 
konnten. Ferner war 
die Artillerie in der 
Lage, trotz der Dunkel- 
heit ihr Feuer auf die 
feindlichen Schützen 
richten zu können, und 
ihnen, wie sich am näch- 
sten Tage zeigte, emp- 
pfindliche Verluste bei- 
zubringen. 
Die gefallenen Un- 
teroffiziere und Ulanen 
wurden in den Morgen- 
stunden des 11. Sep- 
tember mit militärischen Ehren am Ort ihres Heldentodes 
bestattet. 
Leutnant und Soldat 
Mar Richter von der sechsten Kompagnie 107 springt 
beim Sturm mit seinem Leutnant zugleich aus dem Graben, 
allen voran. Sie gelangen bis auf zwanzig Meter an die 
englische Stellung, da trifft die beiden das Blei, und sie 
müssen lange, lange zwischen den Fronten liegen bleiben. 
Her und hin wogt der Kampf. Der Leutnant ist völlig 
  
Reste eines kriegsstarken Bataillons Inj.-Rgt. 1006 (1. Komp.) 
kampfunfähig, kaum vermag er sich noch zu rühren, sein 
getreuer Kamerad hat ein Schrapnellstück im linken Bein.