Contents : Deutschland und der Weltkrieg.

 

132  Hermann  Schumacher

 

Platz  neben  der  alten  Vorzugsstellung  Englands  sich  erobern  und  behaupten,
  so  mußte  es  auch  hier  durch  äußerste  Nationalisierung  des
Betriebes  seine  Widerstandskraft  bis  zum  erreichbaren  Höchstmaß  steigern.
  Das  ist  vor  allem  dadurch  geschehen,  daß  man  dic  an  eine  feste
Route  mit  ganz  bestimmten  Häfen  gebundene  und  daher  mit  hohem
Konjunkturenrisiko  belastete  Linienschiffahrt  zum  vielseitigen  Netz  ausgestaltete,
  in  dem  eine  Linie  der  anderen  dient,  ein  größeres  Maß  der
Beweglichkeit  zurückgewonnen  und  damit  eine  gewisse  Unempfindlichkeit
  gegenüber  natürlichen  und  künstlichen  Krisen,  eine  weitgehende  Unangreifbarkeit
  im  Konkurrenzkampf  geschaffen  wird.  Wic  im  deutschen
Bankwesen  ist  auch  hier  das  Streben  nach  territorialem  Risikoausgleich
die  Haupttriebkraft  zu  weiterem  Ausbau  geworden,  und  die  Neuheit
und  Begrenztheit  der  Entwicklung  erleichterten  das  Gelingen.  Denn
während  in  England  die  große  Zahl  seiner  Häfen  und  die  angesammelte
Kapitalkraft  seines  Bolkes  Zersplitterung  in  die  viel  tiefer  in  die  Vergangenheit
  zurückreichende  Entwicklung  seiner  Seeschiffahrt  trugen,  ist
die  deutsche  Seeschiffahrt  im  wesentlichen  vereinigt  auf  zwei  benachbarte
Nordsechäfen  sowie  anfangs  völlig  und  heute  noch  vielfach  auf  die
Kapitalkraft  ihrer  kleinen  Bevölkerung.  Auf  diese  Weise  ist  Deutschland
  auch  hier  ganz  anders  als  England  zu  bewußter  Kraftkonzentration
gelangt.  So  systematisch  nach  allen  Seiten  ausgebaute  Organisationen,
wie  die  Hamburg-Amerika-Linie  und  der  Norddeutsche  Lloyd,  hat  das
Ausland  nicht  aufzuweisen.  Es  hat  die  Entwicklung  der  Linienschiffahrt
zur  Netzschiffahrt  bisher  nicht  im  gleichen  Maße  mitgemacht.  Trotzdem
  erfreut  sich  England  auf  dem  Gebiete  der  Seeschiffahrt  noch  einer
gewaltigen  Aberlegenheit.  Im  Gesamttonnengehalt  seiner  Seeschiffe
übertrifft  es  Deutschland  fast  fünffach.  Fast  überall,  wo  das  Neich
der  Linienschiffahrt  aufhört  und  wo  es  um  die  Verfrachtung  der  großen
landwirtschaftlichen  Massengüter  sich  handelt,  die  nur  eine  kurze  Zeit
des  Jahres  in  großen  wechselnden  Mengen  befördert  werden  müssen,
genießt  England  noch  seinen  alten  Vorsprung.  In  der  sogenannten
freien  oder  Trampschiffahrt,  diesem  internationalsten  aller  Berufszweige,
hat  England  die  Vorherrschaft  noch  in  einem  Maße,  wie  stärker  kaum
anf  einem  anderen  Gebiet.

Diese  Vorherrschaft  in  der  Trampschiffahrt  ist  von  Bedeutung  auch
für  den  Schiffbau.  Mit  dem  bergang  vom  Holzschiff  zum  Eisen=  und
Stahlschiff  ist  er  aus  den  Ländern  des  Holzreichtums  in  die  der  Eisengewinnung
  gewandert  und  gleichzeitig  vom  handwerksmäßigen  Kleinbetrieb
  zum  kapitalistischen  Großbetrieb  emporgestiegen.  Der  Großbetrieb,
  den  England  insbesondere  mit  der  Erfindung  des  Bessemer-