238 Drittes Buch. Der Staat des alten Fritz.
Entwickelung und aus ihr — nicht für Preußen und Deutsch-
land allein und auch nicht allein für das staatliche Leben —
gleichsam die Summe gezogen und der Folgezeit übermittelt
hat, so ist er nach der anderen der Wegweiser und Bahnbrecher
geworden für ein neu heraufsteigendes Weltalter und hat dadurch
den Fortgang der Entwickelung weit hinans bestimmt und be-
herrscht, weit hinaus über die Dauer des ihm vergönnten irdischen
Wirkens.
Durch ihn trat eine neue Form der Monarchie in das
Leben. In seinem Preußen schuf er den Staat, dessen Vor-
bild die gesamte politische Entwickelung seiner Zeit beherrscht
hat. Man feiert ihn als den Schöpfer und klassischen Ver-
treter des aufgeklärten Despotismus. Doch liegt, was seine Art
zu regieren vornehmlich kennzeichnet, eigentlich auf einem an-
deren Gebiete. Gewiß war er ein überzeugter Jünger der Auf-
klärung und hatte als solcher die Vorurteile überwunden, die
Fürsten und Staatsmänner bisher befangen und an einem dem
Staatsbegriff und dem Staatszweck wahrhaft entsprechenden
Handeln gehindert hatten. Aber es ist doch nicht gerade dies,
was die Bewunderung der Mitlebenden erregte und eine förm-
liche Schule von jüngeren Fürsten seinem Beispiel nachzueifern
veranlaßte. Wurde der preußische Staat durch ihn auch voll-
kommener organisiert und erfüllte daher auch den Beruf, den die
Aufklärung dem Staate zusprach, mehr als irgend ein anderer:
rücksichtlich des leitenden Prinzips erhob sich das Fridericianische
Preußen doch nicht über die anderen absolut regierten Staaten
der Zeit. Wohl fehlten hier die anderwärts herkömmlichen Miß-
stände. Kein Fürst ist sparsamer gewesen in dem Aufwand für
seine Person und seinen Hofhalt als Friedrich. Keinem wider-
stritt es mehr, sich als Träger der Krone in Formen verehrt
zu sehen, die ihn als über den übrigen Menschen stehend er-
scheinen ließen. Bittschriften Ueberreichenden verbot er vor ihm
niederzufallen — „für Gott kann man niederfallen, aber nicht
für mich" — und ließ das auch von den Kanzeln der katho-
lischen Kirchen bekannt machen. Aber auch er sah ab von dem
Volke selbst und räumte ihm einen selbstthätigen Anteil an
staatlichen Dingen so wenig ein wie irgend eine Art von Selbst-