Full text : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Zweiter Band. Heer und Heimat 1914-1918. (2)

Anlage  2  221

VI.  Nächst  der  Aufgabe,  die  Arbeit  der  Kriegsindustrie  vor  Störungen
  durch  Unfrieden  zwischen  Arbeitgebern  und  Arbeitnehmern  zu
bewahren,  beansprucht  die  Frage,  nach  welchem  Gesichtspunkt  der  Arbeiterbedarf
  zu  beschaffen  sei,  die  Hauptaufmerksamkeit.  In
erster  Reihe  muß  gefordert  werden,  daß  alle  Möglichkeiten,  militärfreie
Kräfte  heranzuziehen,  erschöpft  werden,  ehe  ein  Mann  der  Erfüllung
seiner  Wehrpflicht,  wenn  auch  nur  auf  beschränkte  Zeit,  entzogen  wird.
Innerhalb  des  großen  Bereiches  der  Militärfreien  ergibt  die  gegenwärtige
  Wirtschaftslage  Deutschlands  dabei  für  die  Reihenfolge  der  zu
treffenden  Auswahl  den  zwingenden  Grundsatz,  zunächst  alle  Arbeitskräfte
  einzustellen,  deren  Ernährung  dem  Reiche  an  sich  bereits  obliegt,
  danach  erst  darf  an  die  Verwendung  von  Ausländern  gedacht  werden,
  deren  Beschäftigung  zu  einer  unerwünschten  Verminderung  der
Nahrungsmittelvorräte  des  Reiches  führen  würde.

1.  Unter  den  militärfreien  Männern  gilt  es  zunächst,  die  immer
noch  vorhandenen  Arbeitslosen  der  Arbeit  zuzuführen.  Die
häufig  vertretene  Ansicht,  2#o  gebe  keine  wirklichen  Arbeitslosen
mehr,  ist  zu  weitgehend.  Von  Firmen,  die  sich  um  Überlassung
Wehrpflichtiger  bemühen,  ist  zu  verlangen,  daß  sie  zuvor  ernstlich
  versucht  haben,  durch  die  Arbeitsnachweise  Arbeitslose  zu
erhalten.  Dabei  verdienen  die  öffentlichen  Nachweise,  insonderheit
  die  der  Städte,  als  unparteiische  den  Vorzug  vor  den  Privatnachweisen
  der  Arbeitgeber  und  Arbeitnehmer,  jedoch  darf  auch
deren  Benutzung  nicht  versäumt  werden,  um  keine  Möglichkeit
zur  Erlangung  von  Arbeitslosen  außer  acht  zu  lassen.  Gerade
in  dieser  Hinsicht  bedarf  es  oft  eines  gewissen  Druckes,  um  alteingewurzelte
  Widerstände  der  Firmen  gegen  eine  Nachfrage  bei
Arbeitnehmernachweisen  zu  überwinden.  Neben  den  eigentlichen
Arbeitsnachweisen  verdienen  die  Armenbezirksvereine  der  politischen
  und  kirchlichen  Gemeinden  Beachtung,  diesen  sind  nicht
selten  Leute  erreichbar,  deren  Namen  aus  irgendeinem  Grunde
in  den  Listen  der  großen  Nachweise  fehlen.

Von  den  Arbeitslosenziffern  der  Nachweise  sind  indes  gewisse
Abstriche  für  die  praktische  Verwertung  ihrer  Ergebnisse  zu
machen.  Einmal  muß  mit  einer  bedeutenden  Jahl  Arbeitounfähiger
  (älterer  und  kränklicher  Personen)  und  Arbeitsunwilliger  gerechnet
  werden.  Sodann  ist  in  diesen  Verzeichnissen  eine  Reihe