154 Wilhelm Solf
hat Frankreich den eigenen Handel in wichtigen Artikeln wie Getreide
dadurch begünstigt, daß sie, mit französischen Dampfern befoördert, zoll—
frei im Mutterlande eingehen. Portugal hat Vorzugszölle bis zu 90 %%
des Normalzolles für eigenen Kolonialhandel und seine Kolonialschifffahrt
eingeführt. Ahnlich Spanien! Auch England genießt Zollbevorzugungen
bis zu 33 % des Normalzolles in seinen Selbstverwallungskolonien.
Es hat damit erreicht, daß die englische Industrie in diesen
Gebieten für ihren Absatz eine Domäne hat, die sie ohne diese Zollbevorzugung
in dem Maße nicht behaupten könnte. Auch die Vereinigten
Staaten haben ihre Kolonien zum großen Teil zollpolitisch assimiliert.
Belgien hat in der Kongokolonie zwar keine Vorzugszölle, burch
ein ausgedehntes Konzessionssystem aber den Wettbewerb anderer
Staaten so gut wie ausgeschlossen und damit seinen kolonialen Handel
für das Mutterland fast monopolisiert.
Weitere Mittel zur Begünstigung des Mutterlandes in seinen Beziehungen
zu den Kolonien sind Schiffahrtssubventionen ohne Gegenleistung,
Vergütung von Abgaben (Suezkanal) an den nationalen Handel,
ferner Ausfuhrzölle auf Waren, die nicht in das Mutterland geleitet
werden. Diese Ansfuhrzölle sind meist abgestuft zuungunsten des
Handels anderer Nationen. So fallen bei den französischen Kolonien
für die Ausfuhr nach Frankreich die Ausfuhrzölle ganz oder teilweise
fort. In Hinterindien ist die Aunsfuhr nach Frankreich von Ausfuhrzöllen
befreit, in anderen Kolonien bis zu 50 0% herabgesetzt. Kommt
die Ware aus Plantagen von Franzosen, so fällt der Ausfuhrzoll zum
Teil oder ganz fort. Kakao zahlt in St. Thomé 18 Reis pro Kilo Ausfuhrzoll
bei Beförderung auf portugiesischen Schiffen und nach portugiesischen
Häfen, dagegen 60 Reis pro Kilo bei Ausfuhr auf fremden Schiffen
und nach fremden Häfen. 4
Oie deutsche Wirtschaftspolitik kennt alle diese Maßnahmen zur Begünstigung
des eigenen Kolonialhandels und Verkehrs nicht. Die wenigen
Ausfuhrzölle auf Produkte deutscher Kolonien haben lediglich
einen fiskalischen oder protektionistischen Charakter und nicht die Tendenz
der Differenzierung und Bevorzugung des Mutterlandes. Bei
diesem nahezu isolierten Festhalten an dem freihändlerischen Standpunkt
haben sich gelegentlich Härten ergeben, die auch bei uns in der
Offentlichkeit beklagt wurden. Es sei nur daran erinnert, daß wichtige
Produktionszweige der deutschen Kolonien ihren Absatz nicht in Dentschland
fanden, obwohl die deutsche Volkswirtschaft die betreffenden Produkte
im hohen Maße benötigt und von fremden Ländern beziehen muß.
So gehen im freien Verkehr nicht nach Deutschland, sondern in fremde