Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Ihre  Ausnutzung  durch  Schwarzenberg.  163

den  er  Ende  November  offenbar  ernstlich  erwogen  hatte.  Sehr  geschickt  benutzte
er  seine  Kenntnis  der  Anschauungen  des  Königs  in  der  Denkschrift  vom
13.  Dezember.  Namentlich  die  Bestimmungen  über  den  Zeitpunkt  für  das
öffentliche  Hervortreten  (nämlich  nach  Beendigung  der  Verfassungsberatung),
über  das  tiefe  Geheimnis  der  Verhandlungen  und  über  die  Niederwerfung
eines  sich  etwa  regenden  Widerstandes  mit  Waffengewalt  unter  geringer
Beteiligung  Österreichs  waren  jenen  Mitteilungen  entnommen.  Es  war
ein  außerordentlich  feines  Spiel,  daß  er  den  Argumenten  der  preußischen
Minister  die  Argumente  ihres  eigenen  Königs  entgegenstellte;  er  konnte  so
mit  Sicherheit  erwarten,  daß  seine  Erwiderung  zu  lebhaften  Auseinandersetzungen
  zwischen  dem  Herrscher  und  seinen  Ratgebern  führen  und  die  preußische
  Aktion  lähmen  würde.

Das  Ministerinm,  von  diesen  Jusammenhängen  nichts  ahnendt,  betraute
den  Grafen  Brühl  auch  mit  der  Überbringung  des  zweiten  Memorandums
vom  19.  Dezember?,  und  zum  zweiten  Male  wiederholte  sich  das  frühere
Spiel.  Der  Graf  erhielt  wieder  vom  Könige  mündliche  Informationens;  und
während  jene  offizielle  Denkschrift  von  der  Voraussetzung  ausging,  daß
Osterreich  das  Recht  des  übrigen  Deutschland  auf  die  Bildung  eines  engeren
Bundes  anzuerkennen  habe,  ermächtigten  jene  mündlichen  Aufträge  den
Grafen,  sich  mit  dem  Fürsten  Schwarzenberg  auf  Grund  der  früheren  Be-1

  Der  König  hatte  den  Ministern  natürlich  seine  Ideen  ebenfalls  vorgetragen;  aber  sie
wußten  offenbar  zunächst  nicht,  daß  er  sie  krotz  ihres  Widerspruchs  auf  vertraulichem  Wege
in  Olmütz  zur  Kenntnis  gebracht  hatte.  Daß  sie  Befürchtungen  in  dieser  Richtung  hegten,
zeigt  Bülows  Brief  an  Gf.  Bernstorff  v.  8.  Dez.,  er  möge  auch  nach  Olmütz  gehen  und  dafür
sorgen,  daß  nicht  auf  mündliche  Befehle  des  Königs  hin  ein  Stück  Kabinettspolitik  gemacht
werde.  (Ringhoffer  76.)

:  Anfangs  wollte  der  König  mit  der  neuen  Sendung  den  früheren  Minister  Grafen  Canitz
beauftragen.  Die  Minister  verhinderten  dies  mit  Mühe  und  glaubten  einen  großen  Erfolg
damit  errungen  zu  haben,  daß  wieder  Graf  Brühl  geschickt  wurde.  (Bülow  an  Camphausen
23.  Dez.  Beilage  36;  an  Bernstorff  20.  Dez.,  Ringhoffer  80.)

*  Meinecke,  Radowitz  203,  erwähnt  eine  Denkschrift  des  Königs  v.  21.  Dezember,  von
der  sonst  nichts  bekannt  ist,  ohne  seine  Quelle  anzugeben.  ODanach  hat  er  damals  für  die
definitive  Verfassung  verlangt:  r.  einen  Bundesstaat  mit  Königskollegium,  2.  einen  deutschen
Staatenbund  einschließlich  Deuksch-Osterreichs,  3.  einen  großen  Reichsbund  mit  Gesamt-OÖsterreich.
  Diese  Gedanken  stammten,  wie  Meinecke  nachweist,  von  Radowitz.  Ferner  habe
sich  der  König  in  dieser  Schrift  gegen  eine  gewaltsame  Niederwerfung  Frankfurks  ausgesprochen,
da  es  dann  zu  einer  ausschließlichen  Fürstenherrschaft,  aber  nicht  zur  Einheit  kommen  werde.
Es  würde  sehr  erwünscht  sein,  den  Wortlaut  dieser  Denkschrift  zu  kennen;  vermutlich  war
es  ein  Stück  der  dem  Grafen  Brühl  für  seine  zweite  Reise  vom  Könige  erteilten  Anweisung.
Jedenfalls  handelt  es  sich  hier  nur  um  einen  vorübergehend  auftauchenden  Gedanken,  der
dem  König  im  harten  Widerstreit  mit  seinem  Ministerium  über  die  Julässigkeit  eines  engeren
Bundes  ohne  Österreich  einen  Augenblick  lang  Aussicht  auf  Annahme  zu  bieten  schien.
Bereits  in  der  Denkschrift  vom  4.  Jannar  ist  er  wieder  aufgegeben  (s.  unten  S.  165  Anm.  2).

11*