Full text : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

644  28.  Der  30jährige  Strieg  von  Guftav  Adolf  bi3  zum  weitfälifchen  Frieden.

größer  geworden  und  bejonders  feit  dem  Tode  Guftan  Adolfs
trat  e&  in  jeinen  politischen,  jozialen  und  wirtichaftlichen  Erfcheinungen
  und  zolgen  Deutlich  hervor.  Der  Kaifer  machtlos,  von
den  Fürjten  feiner  Bartei  und  von  einem  hochmütigen  und  gemwalttätigen
  Diener  abhängig,  defjen  er  fich  duch  Mord  entledigen
muß;  die  Fürften,  in  der  langen  Heit  feit  der  Monarchie  Karla
de  Großen  von  Stufe  zu  Stufe  immer  ftärfer  und  felbftändiger
und  jeßt  nahezu  ganz  unabhängig  geworden,  nehmen  ohne  Rüdfiht
  PBarter  gegen  den  nur  noch  dem  Namen  nach  gemeinfamen
Katjer  mit  dem  Ausland;  der  Adel,  nicht  mehr  der  natürliche
Führer  und  die  Blüte  der  Nation,  wird  allmählich  zur  hochmütigen
Kafte;  die  Heere,  in  der  langen  voraufgehenden  Friedenzzeit  wenig
bervortretend,  jeßt  bald  allmächtig,  verwildern  mehr  und  mehr  im
rohen  Handwerk  und  werden  in  diejen  lebten  beiden  Jahrzehnten
an  Zahl  geringer,  an  mannigfaltigem  Troß  immer  gewaltiger  an-Ichwellend,
  zu  einer  organifierten  NRaubbande:  man  erfennt  aus  der
Mafie  dejjen,  was  fie  rauben  und  zerjtören  fünnen,  den  Wohl-Stand,
  deijen  Deutichland  fich  zuvor  erfreute.  Und  die  moraliiche
Berwüftung  in  ihrem  Gefolge  it  faft  noch  größer  al&  der  Schaden
an  Leib  und  Gut,  den  diefe  Gewalthaufen,  zufammıengehalten  durch
eigene  Formen,  eigenen  HYauber-  und  Aberglauben  anrichten.  Die
Städte  und  ihr  Bürgertum  widerftanden  dem  wachjenden  Verderben
länger  und  zehrten  von  den  mannigfaltigen  Gütern,  die  ihre  bisherige
  Entwidlung  und  die  lange  Friedenzzeit  aufgehäuft  hatte;
aber  auch  auf  fie  wirkte  die  Not  der  Zeit  zurüd  und  die  befonderen
  Übel,  die  der  Krieg  Hervorrief,  wie  die  Geldnot,  Die
Münzverichlechterung  und  die  auf  diefem  Gebiet  wuchernde  Gauneret,
  oder  auch  allgemeine  Unglüdsfälle  wie  fchlechte  Ernten  oder
weitgreifende  anftedtende  Krankheit,  3.  B.  die  peitartige  Epidemie
der  Sabre  1635  und  1636,  trafen  fie  mit  bejonderer  Schwere.
Sie  minderten  ihre  Bevölferung  —  die  gefamte  Bevölkerung  des
Neiches  war  nad)  glaubwürdiger  Schäßung  von  achtzehn  bis  zwanzig
Millionen  auf  vier  bis  fünf  zufammengefchmolzen  —  und  ließen  die
fröhlichen  Fefte  der  Zeit  des  Friedens  und  des  Aufichwungs  nicht