Oleichheit und Ungleichheit der Staaten. 13
formen ergriffen. Jede Rechtsgestalt des inneren Verfafsungslebens
befähigt aber zur Mitgliedschaft im Völkerrechtsverein. Monarchie
und Republik sind in dieser Beziehung einander gleichberechtigt. Soweit
die Verfassungsformen von Bedeutung für die auswärtige
Staatspraxis werden, ist davon späterhin ausführlicher zu handeln
(S. unter VII. Stück, 3. Kapitel).
2. Rücksichtlich der geographischen Lage., Während die Küstenlage
die Staaten befähigt, an allen auswärtigen Verhältnissen des
Verkehrs theilzunehmen, bleiben Binnenstaaten (wie Serbien, die
Schweiz u. s. w.) von der directen Betheiligung am Seeverkehr ausgeschlossen!).
3. Rücksichtlich der comitas gentium und der Staatengunst.
Minder mächtige Staaten können, der Tradition der Verkehrsitte
oder den Rathschlägen der Schicklichkeit folgend, älteren und angeseheneren
Staaten ein höheres Maß von Ehrenerweisung zugestehen,
als fie selbst für sich beanspruchen. Die Verschiedenheiten der Titulatur,
des Ranges und des Ceremonials entstammen nicht dem allgemeinen
Völkerrecht, sondern der Sitte und ihrem eigenthümlichen
Charakter im Verhältniß zum Recht.
4. In Hinsicht der jeweiligen thatsächlichen Machtverhältnisse
und der politischen Geltung der einzelnen Staaten.
Läßt sich der Unterschied zwischen Großmächten und Mittel= oder
Kleinstaaten auch nicht juristisch formuliren, so läßt er sich doch auch
nicht negiren, wenn die Einflüsse zu würdigen sind, deren Herrschaft
die Entwickelung völkerrechtlicher Neubildungen oder die Realisation
pofitiver Rechtssätze oder die Beilegung der Völkerstreitigkeiten mit
bestimmt, fördert oder erschwert. Im übrigen werden alle mit
einander verkehrenden Staaten in den Vertragsinstrumenten als
„Mächte“ (puissances) bezeichnet.
1) Wharton (l. c.) hebt hervor, daß in der Rechtssprechung Englischer Gerichtshoͤfe
zur Zeit der napoleonischen Kriege (vornehmlich durch Lord Stowell) der
Grundsatz der Rechtsgleichheit minder mächtiger Staaten durchaus anerkannt wurde.
!) In einer Kritik zu Bulmerincq's Darstellung in Marquardsen's Handbuch
(Künchen) Kritische Vierteljahrsschrift, Lahrgang 1885. — Mit Unrecht nimmt somit
Calvo an, daß das Gleichheitsprinzip der Staaten einen allgemein (von der
Theorie) anerkannten Grundsatz des öffentlichen Rechtes darstelle.
3) Es ist wichtig, daß dieser Grundsatz der Gleichberechtigung durch die Englischen
Autoritäten nachdrücklich betont wird. Denn eben diese sind völlig frei von
den Französischen Egalitätsgedanken. Twiß sagt: Power and weakness do not in
this respect give rise to any distinction and the Principality of the Montenegro
is as much an independent State as the Empire of all the Russias.
4) Was nicht hindert, daß sie rechtlich zur Bestrafung des Seeraubes oder
Selavenhandels im Verhältniß zu ihren Unterthanen verpflichtet werden könnten.