Full text: Gedanken und Erinnerungen. Erster Band. (1)

Verständigung Oestreichs mit Preußen gegenüber Dänemark. 343 
die Mittelstaaten 1). Darin hatte er für den Augenblick Recht, für 
die Dauer aber doch nur dann, wenn Oestreich bereit war, Preußen 
als gleichberechtigt in Deutschland thatsächlich zu behandeln und 
Preußens Beistand in den europäischen Interessen, die Oestreich 
in Italien und im Orient hatte, durch die Gestattung freier Be- 
wegung des preußischen Einflusses wenigstens in Norddeutschland 
zu vergelten. Der Anfang der dualistischen Politik gewährte 
ihr eine glänzende Bethätigung in den gemeinsamen Kämpfen 
an der Schlei, dem gemeinsamen Einrücken in Jütland und dem 
gemeinsamen Friedensschlusse mit Dänemark. Das preußisch-öst- 
reichische Bündniß bewährte sich selbst unter der Abschwächung, 
die in der Verstimmung der übrigen Bundesstaaten lag, doch 
als hinreichendes Schwergewicht, um die widerstrebende Verstim- 
mung der andern Großmächte, unter deren Deckung Dänemark 
dem gesammten Deutschthum den Handschuh hatte hinwerfen können, 
im Zaume zu halten. 
Unser weitres Zusammengehn mit Oestreich war gefährdet 
zuerst bei dem heftigen Andrang militärischer Einflüsse auf den 
König, die ihn zum Ueberschreiten der jütischen Grenze auch ohne 
Oestreich bewegen wollten. Mein alter Freund, der Feldmarschall 
Wrangel, schickte unchiffrirt die gröbsten Injurien gegen mich tele- 
graphisch an den König, in denen in Bezug auf mich von Diplo- 
maten, die an den Galgen gehörten, die Rede war X). 
Damals indessen gelang es mir, den König zu bestimmen, 
daß wir nicht um ein Haarbreit an Oestreich vorbei gingen und 
X) Wir blieben infolge dieser Episode Jahre hindurch in persönlicher Ver- 
stimmung und gingen am Hofe schweigend neben einander her, bis bei einer 
der vielen Gelegenheiten, wo wir Tischnachbarn waren, mich der Feldmarschall 
verschämt lächelnd anredete: „Mein Sohn, kannst Du garnicht vergessen?“ 
Ich antwortete: „Wie sollte ich es anfangen, zu vergessen, was ich erlebt habe?“ 
Darauf er nach längerem Schweigen: „Kannst Du auch nicht vergeben?“ Ich 
erwiderte: „Von ganzem Herzen.“ Wir schüttelten uns die Hände und waren 
wieder Freunde wie in frühern Zeiten. 
1) Vgl. Beust a. a. O. 1 336.
	        
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