Volltext: Bismarck Die gesammelten Werke. Band 5. (5)

Bismarck und die ungarische Diversion. 505 
Preußen den Ausbruch eines Krieges zu fördern, dessen schließliche Folgen auf die kleineren 
Staaten unter allen Umständen, welches auch der Ausgang sein mag, nachteilig zurückwirken 
werden. 
Ew. pp. wollen diese Betrachtungen sehr vertraulich und nur als Ihre eigenen Ge- 
danken verwerten. 
*351. Erlaß an den Gesandten in Florenz Grafen von Usedom. 
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Abeken.] 
Schon seit der zweiten Hälfte März hatte der Gesandte in Florenz Graf von Usedom 
auf Bismarck dahin einzuwirken gesucht, daß man für den Fall eines Konfliktes mit Österreich die 
Fühlung mit den nach Loslösung von Österreich, strebenden ungarischen Kreisen aufnehmen möge 
(vgl. Nr. 279). Am 8. April drängte Usedom auf die Entsendung eines Agenten nach Ungarn; 
doch lehnte Bismarck das am 9. ab: „Wir haben hier keine sprachlich und persönlich dazu 
geeigneten Agenten; solche würden auch der Polizei schwerlich entgehen. Nach Barrals Verhalten 
nehme ich an, daß die Italiener sich dieses Feld reservieren wollen. Sie haben bessere Ver- 
bindungen und geschicktere Leute dazu, sind auch nach ihrer Stellung zu Österreich berechtigter, 
schon im Frieden dergleichen Mittel anzuwenden.“ Aber Usedom bohrte und drängte, unter 
Berufung auf La Marmora, der damals noch auf die ungarische Diversion große Hoffnungen setzte, 
immer wieder von neuem. Am 27. April bat er neuerdings um Instruktion und erforderlichenfalls 
um Mittel; Fäden dazu habe er, Usedom, hinreichend in Händen. Am 3. Mai telegraphierte 
Bismarck, der die Angelegenheit zunächst hinhaltend betrieb, ohne sie ganz zurückzuweisen: 
„Eure Exzellenz verlangen Mittel für Ungarn. Welche Summe? Welche Garantie, daß etwa 
zu verausgabende Beträge von den Empfängern zweckentsprechend verwendet werden?“ Am 
16. Mai brachte Graf Usedom die ungarische Sache von neuem zur Sprache; Bismarck möge 
sich doch darüber durch den nach Berlin zurückkehrenden Militärattaché Major von der Burg,¹ 
der völlig eingeweiht sei, Vortrag halten lassen, und möge vor allem Geld bereit halten. Ein 
Delegierter des ungarischen Patriotischen Komitees sei bereit, sich sofort in Berlin einzufinden 
und Garantien für zweckentsprechende Verwendung der Gelder zu geben. 
Geheim. Berlin, den 21. Mai 1866. 
Ew. pp. haben in dem Telegramm Nr. 78 vom 16. d. M. von neuem der ungarischen 
Angelegenheit erwähnt. Ich habe dieselbe Ihrem Wunsche gemäß mit dem Major von Burg 
besprochen, aber auch aus seinen Mitteilungen nicht die Anhaltspunkte gewinnen können, 
welche mich berechtigen würden, mit Entschiedenheit vorzugehen. Auch mit dem aus der 
ersten ungarischen Erhebung bekannten ebemaligen ungarischen Obrist Kiß habe ich einige 
Unterredungen gehabt.² Der Zweck seiner Anwesenheit, die ich zufällig  erfuhr, ist mir nicht 
bekannt, ebensowenig, ob er Agent einer Partei ist, und ob seine Verbindungen wirklich so 
ausgedehnt und sein Einfluß so groß, wie von manchen Seiten angenommen wird. Bis jetzt fehlt 
die Sicherheit darüber, ob die Ew. pp. vorgetragenen Pläne mehr als das Werk einer kleinen 
Partei seien, und ob eine wirkliche allgemeine und nationale Teilnahme dafür in Ungarn zu 
erwarten. Diese Sicherheit, auf welche allein sich Berechnungen gründen ließen, könnte nur 
durch die Persönlichkeiten gegeben werden, welche die eigentlichen Führer der großen Parteien 
sind, als solche in Ungarn mehr als irgend anderswo einen entscheidenden Einfluß genießen und, 
1 Der erst Ende März als Militärattaché nach Florenz gesandte Major im Generalstabe von der Burg 
war Anfang Mai zurückbeordert worden. Auf der Rückreise hatte er in Paris, wo er am 11. Mai eintraf, 
dem Kaiser Napoleon III. einen eigenhändigen Brief König Wilhelms I. übergeben sollen, der in Anknüpfung 
an den Schriftwechsel beider Monarchen aus dem März (vgl. dazu Nr. 251) die Frage stellte, welche Haltung 
der Kaiser bei dem zu erwartenden preußisch-österreichischen Kriege einnehmen werde, und welche Kompen- 
sationen er gegebenenfalls von Preußen erwarte. Jedoch hatte Graf Goltz so ernste Bedenken gegen die 
Opportunität einer solchen direkten Fragestellung erhoben, daß Bismarck, nicht ohne neuen Groll gegen den 
Botschafter zu fassen, von der Übergabe des Briefes Abstand nahm. Da somit die Mission von der Burgs 
nicht zur Ausführung gelangte, konnte hier von der Wiedergabe der auf sie bezüglichen Schriftstücke  abgesehen 
werden. Vgl. auch H. Oncken, Die Rheinpolitik Kaiser Napoleons III., 1863—1870, I. 190, Fußnote. 
2 Vgl. dazu Nr. 362.