516 Die Kongreßeinladung der neutralen Mächte.
Ich habe den letzteren darauf zunächst erwidert, daß ich die Befehle Seiner Majestät des
Königs unseres allergnädigsten Herrn über den Gegenstand dieser Kommunikation einholen
werde.
Im Eingange der Depesche wird die Differenz zwischen Preußen und Österreich bezeichnet
als aus der Frage der Elbherzogtümer entstanden. Ich habe mich schon in der Besprechung,
welche sich an die Uebergabe knüpfte, gegen diese Auffassung verwahrt.² Wir haben nicht ge-
rüstet, um unsere Interessen an den Herzogtümern zur Geltung zu bringen und niemals beab-
sichtigt, zu diesem Zwecke Krieg zu führen. Ich kann auch nicht glauben, daß das Wiener Ka-
binett dies von uns befürchtet habe. Die Differenz zwischen Preußen und Österreich, welche
von den drei einladenden Mächten so lebhaft bedauert wird, sei vielmehr daraus entstanden,
daß Österreich mitten im Frieden zu unserer Überraschung und ohne uns irgendeine Aufklärung
darüber zu geben, in Gemeinschaft mit Sachsen Kriegsvorbereitungen getroffen, welche direkt
unsere Grenze bedrohten. Erst als wir bei der geographischen Lage dieser Grenzen die Si-
cherheit unserer eigenen Hauptstadt beeinträchtigt sahen, sind wir mit Gegenrüstungen vorge-
gangen; und da Österreich ungeachtet gegenseitiger friedlicher Erklärungen tatsächlich hierauf
mit Fortsetzung und Vermehrung der Rüstungen geantwortet, sind auch wir zur Ausdehnung
der unsrigen genötigt gewesen. Dadurch hat sich die Differenz auf die gegenwärtige Höhe
gesteigert, wo beide Armeen einander gegenüberstehen. Wir durften uns den Gefahren, die in
den österreichisch-sächsischen Rüstungen für uns lagen, nicht wehrlos aussetzen und müssen
wünschen, durch genügende Garantien gegen die Wiederkehr einer solchen Situation gesichert
zu sein, ehe wir abrüsten können. Ich habe ferner angedeutet, daß nur dann von einem Kongreß
ein Erfolg für die Erhaltung des Friedens zu erwarten sei, wenn der Zusammentritt sowohl
wie die Beratungen mit möglichster Beschleunigung betrieben würden, da keine der Mächte
ihrem Lande die Opfer und Lasten, welche der gegenwärtige Zustand fordert, lange und auf
unbestimmte Zeit auferlegen dürfe.
Über die Frage, ob die leitenden Minister der verschiedenen Staaten in Paris erwartet
würden, oder ob auf eine Konferenz der dort bereits akkreditierten oder auch außerordent-
lichen Botschafter gerechnet werde, erklärten die Vertreter der neutralen Mächte, ohne
Instruktion zu sein.
Indem ich nicht habe unterlassen wollen, Ew. pp. diese vorläufige Mitteilung zu machen,
behalte ich mir eine baldige weitere Information vor.
In französischer Übersetzung in: Das Staatsarchiv, XI, 46 f.
*361. Erlaß an den Gesandten in Petersburg Grafen von Redern.
[Konzept von der Hand des Vortragenden Rats Theremin.]
Am 20. Mai hatte der Generalkonsul in Bukarest St. Pierre gemeldet, daß Prinz Karl
von Hohenzollern zum Antritt der Regierung in den Donaufürstentümern an der Grenze des
Landes angelangt sei und am 21. in Bukarest erwartet werde; wie er sich dazu verhalten solle?
Bismarck telegraphierte sofort zurück: „Ihre Stellung zum Prinzen Karl ist dieselbe wie Ihrer
Kollegen und wie Ihre bisberige zur provisorischen Regierung. Preußen kann nur unserer
auf der Pariser Konferenz genommenen Stellung gemäß verfahren.“ Im gleichen Sinne wurden
am 21. die Missionen an den europäischen Höfen verständigt.
Vertraulich. Berlin, den 30. Mai 1866.
Ew. pp. habe ich bereits durch mein Telegramm vom 21. d. M. Nr. 134 von der Stel-
lung der Königlichen Regierung zur Wahl des Prinzen Karl von Hohenzollern und der
2 Der Satz eigenhändiger Zusatz Bismarcks.