10
Kriegsberichte aus dem Großen
Hauptquartier 1917/18
VBorbemerkung. Da die fachmännische Darstellung der mili-
tärischen Ereignisse beschränkt werden mußte, bringen wir zu ihrer
Ergänzung im Anschluß an den Kriegskalender hier die wich-
tigsten Berichte aus dem Großen Hauptquartier über die Kampf-
handlungen (bis Oft. 1918).
Erankreichs Ansturm gegen die Armeen des
deutschen Kronprinzen im Jahre 1917.
Mit Spannung haben die kämpfenden Völker, wie
die wenigen noch neutral gebliebenen Mächte des Erd-
balls im zweiten Halbjahr 1917 das Ringen Englands
um die Eroberung der deutschen U-Boot-Basis ver-
folgt. Insbesondere nahm das deutsche Volk an der
Flandernschlacht# leidenschaftlichen Anteil. War doch
das Ziel des englischen Riesenansturmes jene Stelle,
von der aus die furchtbare Bedrohung nach Englands
Heten zielte. Zudem gingen jene Kämpfe um den
esitz Ost- und Westflanderns, also um Gebiete, die
von einer uns verwandten Devöllerung bewohnt sind.
Zudem erkannte das deutsche Volk in den Flandern-
ämpfen das Wettringen eines Teiles unserer Land-
streitkräfte mit jener gewaltigen Heeresmacht, die
unser ingrimmigster Feind, das Inselreich, sich eigens
zum Zweck unserer Vernichtung im Laufe der drei
Kriegsjahre geschaffen hatte.
Unter der Wucht dieser Umstände wurde die An-
teilnahme der Heimat von jenen Kämpfen abgelenkt,
die weiter südlich im mittleren Abschnitt unserer West-
front Frankreichs Streitkräfte in gewaltigem Anprall
wider die Armeen des deutschen Kronprinzen gewor-
fen hatten, jenen Kämpfen, die eine nicht minder blu-
tige Auseinandersetzung zwischen dem Südflügel un-
serer Angriffsfront im Westen und der gesamten
Kriegsmacht Frankreichs zum gleichen siegreichen Ende
geführt haben wie in Flandern.
Der Grundzug der Kämpfe des Jahres 1917 im
Westen ist, daß der Angriff unserer Feinde, der als
geschlossener Ansturm einer einzigen zusammenhän-
enden Front geplant und bis in die letzten Einzel-
geiten hinein vorbereitet war, durch unser Zurück-
ehen auf die Siegfriedstellung in zwei räumlich, zeit-
ich und in ihrem strategischen Gesamtverlaufe völlig
voneinander getrennte, gewaltige Angriffshandlun-
gen zerrissen worden ist. Nicht Schulter an Schulter,
wie beabsichtigt, sondern jeder für sich haben Eng-
länder und Franzosen versuchen müssen, in immer
erneutem Anlauf unsere Westfront zu zerschmettern.
Während aber England noch bis unmittelbar an den
Jahresschluß mit scheinbar ungeschwächter Kraft seine
Angriffe unter fortwährender Verschiebung des ört-
lichen Angriffsstreifens und Angriffszieles seinen
Massensturm lortleßen konnte, " der französische
Anprall sozusagen schon am ersten Tage der Früh-
jahrsschlacht so entscheidungsvoll niedergerungen
worden, daß Frankreich sich von dieser Frühjahrs-
offensive nicht wieder hat erholen können. Vielmehr
mußte es sich mit begrenzten Einzelstößen begnügen.
Einige örtliche Erfolge haben diese Tatsache nicht zu
verschleiern vermocht.
Unverkennbar hatte unsere Siegfriedbewegung die
Geduld des französischen Volkes völlig aus der Fas-
sung gebracht und so die französische Heeresleitung
#zwungen. bald die erstrevte Entscheidung zu suchen.
ewundernswert erschien damals die Schnelligkeit,
1 Jull bis November.
I. Kriegsgeschichte
mit der die französische Führung die notwendig ge-
wordene Umgruppierung ihrer Kräfte zum Abschluß
gebracht zu haben glaubte. Der Erfolg hat bewiesen,
aß die letztere Annahme eine Täuschung gewesen ist.
I. Die Aisne-Champagne-Schlachtt.
Als Engländer und Franzosen noch hoffen konn-
ten, in geschlossener Front unsere westliche Kampf-
linie zu Üüberrennen, hatten sie schon umfassende Vor-
sehrungen getroffen, den vorspringenden Winkel un-
serer Westfront um die Stadt Noyon herum einzu-
drücken. Nun wir uns dem lange vorbereiteten
emeinschaftlichen Angriff unserer Feinde entzogen
hatten, lag es nahe, den neuen Angriff dort anzu-
lehnen, wo schon Vorbereitungen größeren Stiles im
Werke waren, nämlich gegenüber unserer Front von
der Aisne--Höhe, die von dem Fort Condé gekrönt
wird, bis zu den Champagnehöhen westlich vom
Dorf Aubérive. Welch ungeheure Kräfte Frankreich
damals einsetzte, dafür nur folgende Zahlen: Bei
Beginn des Angriffs standen in zwei mächtigen
Hauptgruppen zusammengeballt in vorderster Front
28 Divisionen, dicht dahinter in Reserve 33 Divi-
sionen, weiter zurück nochmals 20 Divisionen, also
insgesamt 81 Infanteriedivisionen, und zu sofortiger
Ausnutzung des mit Bestimmtheit erhofften Erfolges
7 Kavalleriedivisionen auf einer rund 100 km brei-
ten Front bereit. Auf gleicher Höhe stand die tech-
nische Vorbereitung. Wenigstens am nunmehrigen
linken Flügel der umgelagerten Einbruchsstelle, dem
Gelände östlich von Soissons, konnten die für den
gemeinschaftlichen Ansturm geplanten Einrichtungen
voll benutzt werden. Hier war hinter der französi-
schen Front eine „Angriffsfestunge mit verschwen-
derischen Mitteln ausgebaut worden. In zwei Grup-
pen stand je ein halbes Hundert Tanks bereit. Überall
befanden 4 kunstvoll angeordnete Gleissysteme, auf
denen sich cisengepan zerte Batteriewagen schwersten
Kalibers vorschieben konnten.
1.
Der französische Plan ging dahin: An zwei Punk-
ten des erwählten Angriffsgeländes mit aller Kraft
durchzustoßen. Nach erfolgtem Durchbruch sollten
die beiden Angriffsgruppen nach innen einschwenken
und das deutsche Grabengebiet mit den darin einge-
bauten Verteidigungsmitteln abkneifen und erdrücken,
um dann letzten Endes unsere Siegfriedfront von
Süden nach Norden aufzurollen. Pi Wucht des
Hauptstoßes erstreckte sich auf die ganze Front nörd-
lich von Reims über Condé bis Laffauz= Eine Neben-
handlung war aus Reims heraus eingeleitet, um
durch den Fall der Feste Brimont die deutsche Stel-
lung im ersten Anlauf zu erschüttern.
ie zweite große Hauptunternehmung war voll-
kommen selbständig mit dem größten Teil der durch
die Siegfriedbewegung ihres Angriffszieles beraubten
Truppen in der Champagne vorbereitet worden. Ihre
Aufgabe war: In erster Linie die wichtigen Höhen-
üge zu nehmen, die die Wasserscheide zwischen dem
berlauf der Aisne und der Suippes bilden und das
abfallende Gelände gegen Pont-Faverger beherrschen.
Auch dieser Angriffsgruppe war ein Nebenunter-
nehmen am äußersten rechten Flügel bei Ville- sur-
Tourbe angegliedert.
Während der Hauptstoß in die deutsche Flanke und
Mitte am 16. April erfolgte, setzte sich die Champagne-
1 Bgl. hierzu die Karte „ Atsne und Champagner.