Im Oktober 1905 hat der Pariser „Matin“ mitgeteilt, daß
Delcassé im Ministerrat erklärt habe, England habe für den Kriegs-
fall angeboten, 100000 Mann in Holstein zu landen und den
Kaiser Wilhelm-Kanal zu besetzen. Dieses englische Angebot ist
nachher noch einmal wiederholt worden mit dem Vorschlag, es in
schriftlicher Form festzulegen. Auch der bekannte Abgeordnete Jaurès,
der bei Kriegsausbruch 1914 im Sinne Iswolskischer Politik er-
mordet wurde, hat den Inhalt der im „Matin“ veröffentlichten Mit-
teilungen Delcassé's schon vorher gekannt.
Der Sturz Delcassé's und seine Ersetzung durch Rouvier ist zum
Teil dem Einfluß des Fürsten von Monako zuzuschreiben. Der Fürst
hatte sich während der Kieler Woche durch Unterhaltungen mit mir,
mit dem Reichskanzler und Regierungsbeamten von der Aufrichtig-
keit unseres Wunsches überzeugt, mit Frankreich zu einem Ausgleich
zu gelangen, um ein friedliches Nebeneinanderleben zu ermöglichen.
Er stand in guten Beziehungen zum Botschafter Fürsten Radolin
und bemühte sich eifrig für eine Annäherung zwischen den beiden
Ländern. Der Fürst von Monako war selbst der Meinung, Del-
cassé sei eine Gefahr für die Aufrechterhaltung des Friedens, er
werde hoffentlich bald stürzen und durch Rouvier ersetzt werden, der
ein besonnener Politiker und durchaus geneigt sei, sich mit Deutsch-
land zu verständigen. Er stehe Rouvier persönlich nahe und stelle
sich dem deutschen Botschafter gern als Vermittler zur Verfügung.
Der Sturz Delcassé's trat ein, und Rouvier wurde Minister.
Ich ließ nun sofort die Aktion einleiten, bei der ich auf des Fürsten
von Monako Unterstützung rechnen durfte. Der Kanzler wurde an-
gewiesen, ein „Rapprochement“ mit Frankreich vorzubereiten. Den
Fürsten Radolin, der seine Instruktionen in Berlin persönlich erhielt,
wies ich noch besonders darauf hin, die Konstellation Rouvier gut
auszunutzen, um alle Konfliktsmöglichkeiten zwischen den beiden Ländern
zu beseitigen. Für das Verhältnis zu Rouvier würden ihm die
92