Der Schoͤpfer von Kaiser und Reich. 89
Frankreich das Elsaß abzufordern und die deutsche Fahne auf dem Dom
von Straßburg aufzupflanzen. Mit wundervoller Präzision weist er
darin die Unmöglichkeit nach, jemals zwischen Preußen und Polen
Freundschaft zu stiften, man wolle denn die Grenzen von 1772 herstellen,
ihm ganz Posen, Westpreußen und Ermeland wiedergeben: „dann würden
Preußens beste Sehnen durchschnitten und Millionen Deutscher der polnischen
Willkür überantwortet sein, um einen unfichern Verbündeten zu
gewinnen, der lüstern auf jede Verlegenheit Deutschlands wartet, um
Ostpreußen, Polnisch-Schlesien, die polnischen Bezirke von Pommern für
sich zu gewinnen.“ Der Russenfurcht aber, die sich unter der Polenschwärmerei
verbarg, warf er das furchtlose kurze Wort entgegen: „Schutz
gegen Rußland brauchen wir von Polen nicht; wir sind uns selbst
Schutz genug.“
Es hat in jenen Jahren nur eine Partei gegeben, die Bismarck an
Konsequenz und Geschlossenheit ihres politischen Systems. wenn auch
nicht ebenbürtig gewesen, so doch nahe gekommen ist: das waren die
Radikalen, welche die Lehre von dem Herrscherwillen des Volkes wahrhaft
ins Leben führen und die Vollkraft der Nation ohne Rücksicht auf
dynastische und politische Grenzlinien in der einen unteilbaren Republick
vereinigen wollten. Alle andern Parteien litten mehr oder weniger unter
der Halbheit und Inkonsequenz ihrer Gedanken. Sie schwärmten für
die Größe des deutschen Vaterlandes und den Wiedererwerb verlorener
Provinzen und gaben an allen Grenzen deutsche Rechte Preis; sie
enthufiasmierten sich für die Wiedergeburt Polens und respektierten weder
die Dänen in Nordschleswig noch auch die Czechen und Kroaten und
die Übrigen interessanten Nationalitäten des habsburgischen Kaiserstaates,
an den sie gekettet blieben, auch nachdem sie die Loslösung von ihm
dekretiert hatten; sie gaben sich als die Vertreter der nationalen Souveränität
und waren im Grunde alle, wenn auch mit Unterschied, Partikularisten;
sie deklamierten von der Unwiderstehlichkeit des allgemeinen
Willens und der Unzerstörbarkeit ihrer Verfassung und krochen vor jedem
Stirnrunzeln der Machthaber zu Kreuz; sie ließen sich immer nur
schieben und modelten ihre heiligsten Uberzeugungen unter jedem Windhauch,
der sie von rechts oder links her berührte.
Von allen diesen Zwiespältigkeiten und Zweideutigkeiten blieb Bismarck
frei, weil er eben in erster Linie Preuße bleiben wollte um jeden
Preis, auch um den der deutschen Verfassung und der deutschen Einheit.
Das schuf die Kongruenz zwischen seiner innern und seiner äußern Politik
und die Zielbewußtheit seines Handelns. Das schärfte ihm den Blick
für die Fehler und die Schwächen seiner Gegner. Er lachte über den