484 II, 8. Kußere und innere Potitik des Deutschen Reiches (1879 bis März 1888).
uns in dem Entschlusse festigen, alle Zeit einzutreten für unser evangetisches Bekenntnis und
mit ihm für Gewissensfreiheit und Dutdung. Und mögen wir siets dessen eingedenk bleiben, daß
die Kraft und das Wesen des Protestantismus nicht in Buchstaben bernht und nicht in starrer
Form, sondern in dem zugleich lebendigen und demütigen Streben nach der Erkenntnis christlicher
Wahrheit! In diesem Sinne begrüße ich den heutigen und die noch folgenden Luthertage mir
dem innigen Wunsche, daß sie beitragen mögen, unser protestantisches Bewußtsein zu stärken.
unsere deutsche evangelische Kirche vor Zwietracht zu bewahren und ihren Frieden fest und
dauernd zu begründen.“
Diese Worte des deutschen Kronprinzen fanden in allen Gauen Deutschlands
lauten Widerhall. Sicherlich waren sie nicht ohne Kenntnis und Genehmigung seines
kaiserlichen Vaters gesprochen, der einst die „liberale Nra“ seiner Prinzregentschaft in
Preußen mit einem ähnlichen Bekenntnis sreier evangelischer Wahrheitsliebe und Duld-
samkeit eingeleitet hatte. Sicherlich sprachen diese Worte aber auch zugleich die eigenste
Uberzeugung des Kronprinzen aus. Als das kirchliche Programm seiner künftigen
Regierungstage wurden sie überall bezeichnet und in den Herzen bewahrt. Und ganz
verwandte Gedanken gaben den ersten Anstoß zur Wiedererhebung der national-
liberalen Partei. „Die Dinge durften so nicht weitergehen. Die erdrückende
Stellung des einigen, erfolgreichen Zentrums gegenüber der Regierung wie gegenüber
dem heillos zersplitterten Parteiwesen mußte überwunden werden; das brachte zunächst
die Freunde in Süddeutschland näher zusammen“, bemerkt der wohlunterrichtete, un-
genannte Versasser der Schrift: „Die nationalliberale Partei 1867—1892“ über
die Anfänge dieses Genesungsprozesses. In der Aussprache mit Migquel, der als
Oberbürgermeister von Frankfurt seit einigen Jahren dort seinen Wohnsitz genommen
hatte, gewannen die füddentschen Führer der Partei die Anregung zu engerem Zu-
sammenschluß. Dabei kam ihnen sehr zu statten, daß das spezifisch norddeutsche Ge-
wächs der Sezession im Süden gar keinen Boden gefunden hatte. Schon im Herbst
1883 fanden in Frankfurt Vorbesprechungen statt. Die dort verabredeten Maßnahmen
mußten zunächst den einzelnen Landeskomitees unterbreitet werden. Mitte Februar
1884 wurde in Frankfurt ein von Miquel verfaßtes Parteiprogramm, im wesentlichen
die spätere „Heidelberger Erklärung“, von den Vertrauten angenommen. Der Ab-
geordnete Prosessor Marquardsen brachte den Entwurf nach Berlin zur Mitteilung an
die Fraktion. Gleichzeitig erließen er und Abgeordneter Dr. Buhl die Einladung zu
einer Delegiertenversammlung nach Heidelberg auf den 2. März. Wegen der wichtigen
Verhandlungen des Reichstags, der schon am 6. März eröffnet wurde, mußte diese
Versammlung jedoch auf den 23. März verschoben werden; so kam es, daß zuerst
am 5. März, am Vorabend der Erösfnung des Reichstags, die Fusson, d. h. die
Vereinigung der Sezessionisten und der Fortschrittspartei zur neuen Fraklion der
„Deutsch-Freisinnigen“ erfolgte. Es ist aber eine nach dem Vorstehenden haltlose
Legende des Deutschfreisinns, wenn er behanuptet, die Heidelberger Erklärung sei
eine Antwort auf diese Fusion gewesen. Dagegen kam die Fusion der nationallibe-
ralen Wiedererhebung, die der Tag von Heidelberg seierlich vollziehen sollte, auch in
Norddeutschland zu statten. Denn ein sehr erheblicher Teil der sezessionistischen Wähler
stand der Fortschrittspartei durchaus fremd gegenüber. Für das ganze Reich konnte