A. Die freie Berufswahl und ihre Mängel. 813
männischen Geschäften und „endwerk betrieben, der Gewerbebetrieb
im Vordergrunde steht und die Lehrlingsausbildung nur nebenbeie
erfolgt, wo ferner der Geschäftsinhaber die einzige ausbildende
Persönlichkeit ist und höchstens noch ein oder mehrere Gehilfen ihm
zur Seite stehen, liegt die Gefahr einer Vernachlässigung der Ausbildung
der Lehrlinge, wenn deren Zahl zu groß ist, sehr nahe. Auf
der andern Seite ist aber ein übermäßiger Mangel an Lehrlingen
durchaus nicht geeignet, die Lehrlingsausbildung im einzelnen zu
beben. Der Mangel an Lehrlingen führt zu einem Mangel an
Arbeitskräften überhaupt, weiterhin zu einer Überlastung der Meister,
zu einer Herabdrückung ihrer Leistungsfähigkeit im Konkurrenzkampf
und folgerichtig zu ihrem wirtschaftlichen und technischen
Niedergang. Außerdem kommt noch folgendes Moment hinzu. Das
Gedeihen und Wachsen eines Gewerbezweiges beruht zum nicht geringen
Teile auf einer Auslese der Tüchtigeren. Wo diese durch
mangelnden Zufluß an Kräften unterbunden ist, wo auch der
Schwächere und weniger Leistungsfähige zu wirtschaftlicher Selbständigkeit
gelangen konn, muß das allgemeine Niveau des betreffenden
Gewerbes sinken. Die weitere Konsequenz ist hier dann
auch wieder mangelhafte Lehrlingsausbildung.
Diese verschiedenen Folgeerscheinungen infolge ungeregelten und
in verkehrter Richtung erfolgenden Zustromes jugendlichen Nachwuchses
haben sich schon in der einen oder andern Weise bei verschiedenen
Gewerben bemerkbar gemacht. Es sei nur darauf hingewiesen,
daß des öftern in Tarifverträgen Verhältniszahlen für
das zulässige Maximum von Lehrlingen gegenüber den Gehilfen festgelegt
worden sind, um insbesondere den Lohndruck zu vermeiden.
Dies geschah vor allem im Buchdruckertarif. Am eklatantesten und
in vollem Gegensatze sind die bedenklichen Folgeerscheinungen von
Lehrlingsüberfluß und Lehrlingsmangel im Handelsgewerbe und im
Handwerke hervorgetreten.
Im Handelsgewerbe wird vielfach ein übermäßiger Zufluß
jugendlichen Nachwuchses beobachtet. Die Gründe liegen klar zutage.
Beim Handel übt naturgemäß die äußerlich gehobene Stellung, die
Art der Arbeit, die bessere Kleidung, die Möglichkeit, unter Umständen
verhältnismäßig rasch zu Reichtum und Ansehen zu gelangen,
eine große Anziehung aus. Tausende, die weder den Beruf noch die
Fähigkeiten haben, lassen sich durch diese ÄAußerlichkeiten verblenden,
und so wird der Handel mit ungeeigneten Elementen hier und da
geradezu zverfluted Alle hoffen bald zu höheren Stellungen emporzusteigen.
Aber wie viele bleiben auf der Walstatt in diesem
heftigen Ringen! In den Adressenbureaus, unter den Gelegenheitsarbeitern,
überall kann man sie finden, die brotlosen Kaufleute, die
gescheiterten Existenzen. Zum Beweise sei nur das Urteil der
Handelskammer Bochum mitgeteilt, die in ihrem Jahresberichte für
1904 folgendes anführt: „Kaufmännisches Personal war in genügender
Anzahl zu haben, doch war, wie bisher, die Zahl der
Minderwertigen groß. Der Andrang zum Kaufmannsstand ist sehr
stark, viele nach ihrer Vorbildung und ihren Fähigkeiten ungeeigneten