Full text: Geschichte des Kurstaates und Königreiches Sachsen. Zweiter Band: Von der Mitte des sechzehnten bis zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. (2)

Wissenschaften. 217 
nicht ausbleiben. Trotzdem blieb Wittenberg noch immer 
die bedentendste unter den protestantischen Universitäten, 
seine theologische Facultät zumal wies unter allen die stärkste 
Frequenz auf; die sächsischen Theologen übten sogar oder 
erstrebten wenigstens, gestützt auf das Directorium ihres 
Kurfürsten, eine Art oberrichterlicher Gewalt in kirchlichen 
Streitfragen, wie z. B. 1623 und 1624 in dem Streite 
zwischen den Tübingern und Gießenern 1) und Hoß v. Hoön- 
egg hielt von 1621 bis 1628 alljährlich einen theologischen 
Convent zur Beurtheilung und Entscheidung aller theologischen 
Zeitfragen in möglichst offizieller Form ab. Obgleich Melanch- 
thons Auctorität durch Leonhard Hutters, des Professor con- 
troversinrum, Compendium (1619) verdrängt wurde, so erhielt 
sich doch während der ersten Jahrzehnte des siebzehnten Jahr- 
hunderts bei aller Anhänglichkeit an die durch die Concordien- 
formel gegründete Lehrnorm und bei aller Schärfe gegen den 
Calvinismus eine mildere Auffassung, in Wittenberg haupt- 
sächlich durch Polykarp Leyser und Balth. Meißner, in Leipzig 
durch Höpfner vertreten; noch durchleuchtete und durchwärmte 
etwas von dem Geiste der großen Reformatoren die sächsische 
Landeslirche, bis mit dem von Abr. Calov in Wittenberg gegen 
den Helmstädter Calixt entzündeten Streite der Hader der pro- 
testantischen Theologen in seiner ganzen Bitterkeit ausbrach 2). 
Die Theologie schlug in der Literatur wie auf der Kanzel 
immer entschiedener eine polemische Richtung ein, die auch in 
den 1624 und 16/40 zu Leipzig gestifteten Predigervereinen 
sehr gepflegt wurde, und die Philosophie, wieder ganz in die 
Fesseln der scholastischen Kategorien geschlagen und durch ihre 
Abhängigkeit von der Theologie der eigenen freien Bewegung 
beraubt, förderte das liberwuchern einer spitzfindigen und ge- 
müthlosen Dogmatik, deren unerträglicher Druck, verbunden 
1) über ihren Versuch, denselben durch eine Art Nachtrag zur 
Concordie zu entschciden, siche Franke in Weißes Museum II, 2. 
S. 177 ff. 
2) Tholuck, Der Geist der lutherischen Theologen Wittenbergs im 
Verlauf des 17. Jahrh. (1852), S. 4 ff.
	        
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