1700
822 Kurfürst Friedrich August J.
die Überrumpelung von Riga an der Wachsamkeit des greisen
aber tapfern Commandanten v. Dalberg, und obgleich sich die
Sachsen der Kober= und der Dünamünder Schanze bemächtigten,
mußten sie doch beim Herannahen schwedischen Entsatzes über
die Düna zurückgehen; die Erhebung des von Dalberg einge-
schüchterten lievländischen Adels blieb aus. Vergebens erneuerte
August in Person mit verstärkten Kräften August 1700 das
Bombardement von Riga, der klägliche Zustand seiner Armee,
die Nachricht vom travendahler Frieden und das Ausbleiben
der russischen Unterstützung nöthigten ihn schon am 20. Sep-
tember die Belagerung aufzuheben; nur die kleine Festung
Kockenhausen wurde 7. October von dem Feldmarschall Steinau
erstürmt. Die gegen Holstein bestimmten 8000 Sachsen, denen
Brandenburg den Durchzug verweigerte, waren schon untenwegs
von hannöverschen und zella'schen Truppen zurückgeworfen wor-
den; ja August mußte sein Erbland gegen den drohenden
Einfall des Herzogs von Holstein durch 9000 Dänen und ein
Vertheidigungsbündniß mit Brandenburg schützen #).
Schon aber nahete ein viel fürchtbarerer Feind. Kaum
hatte Karl XII. durch den glänzenden Sieg bei Narwa 30.
November die Russen vorläufig unschädlich gemacht, als er
mehr der Leidenschaft als der Klugheit gehorchend sich mit
ganzer Macht auf August warf, der ihm, obgleich sein leiblicher
Vetter — beider Mütter waren Schwestern —, nicht bloß
wegen seines verrätherischen liberfalls, sondern ebenso sehr durch
seine weibische lppigkeit persönlich zuwider war. August rief
die Vermittlung des Kaisers und des neuen Königs von Preu-
ßen an um Karl zu versöhnen, aber dem Czaren lag zu viel
daran, ihn im Krieg gegen Schweden zu erhalten und dadurch
das ihn selbst bedrohende Gewitter nach anderer Seite abzu-
lenken, als daß er dem nicht entgegengearbeitet hätte; August
ließ sich durch den Vertrag zu Birsen, in welchem ihm Peter
Truppen, auf zwei Jahre je 200000 Thaler und Verzicht auf
1) Hojer, Leben Friedrichs IV. von Dänemark (1829) 1, 37 ff.
Stenzel, Gesch. des preuß. Staats III, 102.