Das Anerbieten der polnischen Thronfolge. 608
der Boden begann unter ihren Füßen zusammenzubrechen.
Katharina II. lehnte den Beitritt zu dem österreichisch-preußischen
Bündnisse ab, verwarf die Constitution vom 3. Mai und die Erb-
lichkeit der polnischen Krone und lud beide Mächte zu einem
anderweitigen Ubereinkommen ein, durch welches sie Polen
unter ihren gemeinschaftlichen Schutz nehmen wollten. Noch
machte Leopolds Nachfolger, der junge König Franz von Ungarn,
eine letzte Anstrengung, Polen der tödtlichen Umarmung Ruß-
lands zu entziehen und in die weichere Osterreichs zu betten;
am 10. März ließ er in Berlin den Antrag stellen, Preußen
und Osterreich, die ein gleiches Interesse daran hätten, durch
Befestigung der Ruhe und Ordnung in Polen einen Quell
cwiger Verlegenhcit zu schließen und dasselbe nicht unter den
russischen Einfluß fallen zu lassen, möchten sich unter Forderung
bestimmter für ihre Sicherheit nöthiger Garantien für die erb-
liche lbertragung der polnischen Krone auf den Kurfürsten von
Sachsen und zwar so, daß der jedesmalige Kurfürst von Sachsen
zugleich König von Polen sei, erklären 1). Aber selbst wenn
das berliner Kabinet sich nicht schon durch die von Rußland
in Aussicht gestellte Vergrößerung hätte verlocken lassen, so
würde diese letzte Bedingung allein genügt haben, um ihm den
ganzen Vorschlag unannehmbar zu machen. Der Minister
Schulenburg erklärte dem sächsischen Gesandten rund heraus,
eine derartige Verbindung des sächsischen Kurhutes mit der
polnischen Krone, die einen Staat von 9 Millionen Einwohnern
schaffen und, wenn sich derselbe im Fall eines Krieges auf
Osterreichs Seite schlüge, Schlesien erdrücken würde, könne
Preußen nicht dulden; der König beantwortete den österreichischen
Antrag mit der Einladung, dem Rußlands beizutreten, und da
er zugleich seine Geneigtheit bezeigte, einer Vergrößerung Oster=
reichs in Baiern nicht entgegen zu sein, sobald er selbst ein
Stück von Polen erhalte, letzteres aber nach dem Ausbruche des
Krieges gegen Frankreich das gute Einvernehmen mit seinen
Nachbarn nicht entbehren konnte, so ließ auch Osterreich seinen
Plan fallen.
1) v. Sybel a. a. O. I, 425.