Full text: Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Erster Band. Vom Staatsseketariat bis zur Marokko-Krise. (1)

DIE VERHINDERTE SEESCHLACHT 111 
Tirpitz schrieb vortrefflich: klar, logisch, überzeugend. Er sprach nicht 
so gut. Seine Stimme war leise, wie ich glaube infolge asthmatischer Be- 
schwerden, wegen deren er auch die reine Luft des Schwarzwaldes aufzu- 
suchen pflegte, wo er in St.Blasien ein Häuschen besaß. Dieser mächtige 
Mann sprach ohne Schwung, und dieser feine Geist sprach ohne Ironie, 
wo doch Pathos und Sarkasmus die großen Vehicula des Redners sind. 
Deshalb und auch weil Tirpitz die eigentliche politische Begabung fehlte, 
hat später seine Schöpfung und Leitung des Vaterlandsvereins bei den 
allerbesten Absichten mehr geschadet als genützt. Ich habe Tirpitz vom 
ersten bis zum letzten Tage meiner Amtsführung persönlich und politisch 
unterstützt, was er auch bei meinem Rücktritt in einem an mich gerichteten, 
herzlichen Schreiben in warmer Weise anerkannte. Nach unserem zu spät 
erfolgten, aber ruhmvollen Seesieg bei Skagerrak antwortete der Groß- 
admiral auf meinen Glückwunsch, mein Anteil an diesem Sieg sei so groß 
wie sein eigener. Ich habe den Staatssekretär nicht nur aus persönlicher 
Freundschaft unterstützt, auch in der Überzeugung, daß ich damit meine 
Pflicht dem Vaterland gegenüber erfüllte und dem deutschen Volke nützte. 
Wäre die deutsche Flotte, das ist meine feste Überzeugung, sogleich 
nach dem Beginn des Krieges, im August 1914, eingesetzt und gegen 
den Feind geschickt worden, so würde nicht nur Deutschland sich in ganz 
anderer Lage befinden als heute, auch das Urteil über Tirpitz würde bei 
vielen anders lauten. Die unselige Scheu des Kaisers, seine Lieblinge, seine 
ihm ans Herz gewachsenen Riesenschiffe aufs Spiel zu setzen, die Servilität 
und Weichheit des damaligen Chefs des Marinekabinetts, des Admirals 
Müller, und endlich die Verblendung von Betbmann, dessen leitender Ge- 
danke es war, auch nachdem der Kampf auf Leben und Tod entbrannt war, 
ein Kampf, der zu vermeiden war, der aber, einmal entbrannt, mit voller 
Kraft geführt werden mußte, nur nicht die Engländer zu „reizen“, verhin- 
derten die Seeschlacht, die im richtigen Augenblick nach der Ansicht der 
großen Mehrheit unserer Marineoffiziere gute Chancen bot. Ein mir be- 
freundeter italienischer Offizier, der, von Geburt Amerikaner, Englisch wie 
ein Engländer spricht, erzählte mir gelegentlich, er habe 1918 oder 1919 
in New York einem großen Festessen beigewohnt, das amerikanische See- 
offiziere englischen Kameraden gaben. Man unterhielt sich ungeniert vor 
meinem italienisch ischen Freund, den man für einen unverfälsch- 
ten Amerikaner hielt, und er beobachtete, wie zwischen englischen und 
amerikanischen Seeoffizieren Übereinstimmung darüber bestand, daß, 
wenn Deutschland sofort nach Eröffnung der Feindseligkeiten im August 
1914 seine ganze Kriegsflotte für einen großen Vorstoß eingesetzt hätte, der 
Krieg eine andere Wendung genommen haben würde. Soviel ist sicher: 
Schlimmer, als es der Flotte und uns mit der Taktik des Herrn von Beth-
	        
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