586 WILHELMII. UND DIE ARBEITER IN BRESLAU
Der Kaiser hatte schon als junger Prinz in dem gastfreundlichen Krupp-
schen Hause verkehrt und interessierte sich lebhaft für die gewaltigen
Kruppschen Unternehmungen. Er erschien zur Beisetzung des Toten und
hielt bei diesem Anlaß eine Ansprache, die seinem Sinn für Freundschaft
und seinem warmen, edlen Herzen nur Ehre machte, die aber für einen
Monarchen zu maßlos, zu heftig war. Sein Großvater würde auch in seinen
jungen Jahren nicht so gesprochen haben. Dazu kam, daß es der Kaiser
nicht bei diesem einen, ich wiederhole es, an und für sich durchaus berech-
tigten Ausbruch seiner Entrüstung bewenden ließ, sondern acht Tage
später in Breslau an eine Abordnung von Arbeitern, die zu diesem Zwecke
zu ihm geführt worden war, noch leidenschaftlichere Worte richtete. Trotz-
dem wäre ich durchaus bereit gewesen und gern bereit gewesen, gerade
diese Rede Seiner Majestät vor dem Reichstag gegenüber der Sozialdemo-
kratie zu vertreten. Hatte doch der Kaiser in diesem Fall nicht anders
gehandelt als der barmherzige Samariter im Evangelium, den des Mannes
jammerte, der unter die Mörder gefallen war, der ihm seine Wunden ver-
band und Öl und Wein dareingoß, während der Priester und der Levit kühl
vorübergingen. Leider schnitt der Reichstagspräsident Ballestrem in bester
Absicht, weil er, wie er seinen Entschluß begründete, eine Diskussion über
den tragischen Tod eines untadligen Ehrenmanns nicht zulassen wollte,
von vornherein jede Berührung dieser Angelegenheit ab. So wurde eine
Gelegenheit versäumt, wo dem Lande das niedrige Verhalten der angeblich
von idealen Gesichtspunkten geleiteten Sozialdemokratie in seiner Brutali-
tät wie in seiner Heuchelei klargelegt werden konnte, während das tempe-
ramentvolle und warmherzige Vorgehen des Kaisers ihm vielfach als neuer
Beweis mangelnder Selbstbeherrschung verargt wurde.