ITalsoperation
des Kaisers
634 DER KAISER WIRD OPERIERT
wald, dem Odins-Wald, über dem der Sturm des wilden Heeres braust, wo
der Brunnen fließt, bei dem Siegfried fiel, wo der Baum steht, von dem weh-
mütig das deutsche Volkslied singt.
Wenige Tage nach der Zusammenkunft von Wiesbaden und Wolfs-
garten unterzog sich Kaiser Wilhelm einer Stimmlippen-Operation. Der
Kaiser verspürte schon in Wiesbaden eine leise Heiserkeit. Eine Unter-
suchung des Halses ergab das Vorhandensein eines Polypen. Ich suchte den
Kaiser noch am selben Tage auf. Seine Haltung war bewunderungswürdig.
Ich appelliere an jeden gerecht und human Urteilenden: wo ist der Mensch,
der, wissend, daß seine beiden Eltern am Krebs starben, daß sein Vater an
einem furchtbaren, schmerzhaften Halskrebs zugrunde ging, nicht stark,
nicht sehr stark beeindruckt sein würde, wenn im Halse bei ihm ein Polyp
festgestellt würde? Das Verhalten des Kaisers bei dieser Prüfung war über
jedes Lob erhaben. Als ich bei ihm eintrat, winkte er mir mit der Hand
einen wehmütigen, aber herzlichen Gruß zu. Das Sprechen war ihm unter-
“ sagt. Er gab seine Weisungen schriftlich auf kleinen Zetteln, was in mir
melancholische Erinnerungen an die letzten Wochen des Kaisers Friedrich
weckte. Wilhelm II. hatte trotz des Widerspruchs der Kaiserin und der
Leibärzte bestimmt, daß über seine Erkrankung wabhrheitsgetreue Berichte
veröffentlicht werden sollten. Es dürfe nichts verschwiegen werden, das Volk
habe ein Recht, alles zu erfahren. Es wurde beschlossen, einen ausgezeich-
neten Spezialisten, den Geheimen Rat Professor Schmidt aus Frankfurt
am Main, kommen zu lassen, um den Polypen zu operieren. Bis diese
Operation ausgeführt und das kleine Gewächs sorgsam untersucht worden
war, erschien alles ungewiß. Erst als die Untersuchung die Harmlosigkeit
des Polypen feststellte, war die Sorge behoben. Ich gab der Kaiserin recht
und gebe ihr auch heute recht, die mir, nachdem die Untersuchung statt-
gefunden hatte, mit tiefer Bewegung schrieb, der Kaiser habe sich wie ein
Held benommen.
Zwei sind der Wege, auf welchen der Mensch zur Tugend emporstrebt;
Schließt sich der eine dir zu, tut sich der andre dir auf.
Handelnd erringt der Glückliche sie, der Leidende duldend.
Wohl ihm, den sein Geschick liebend auf beide geführt,
sagt Schiller in einem schönen Gedicht. Möge Kaiser Wilhelm II. die Kraft
des Duldens auch im Exil und Unglück nicht verlieren.