Antritt ın
Wien
Fürst Richard
Aestternich
388 BOTSCHAFTER-EMPFANG
Stolbergs führen in ihrem Wappen einen schwarzen Hirsch in Gold und
zwei rote Forellen in Silber. Der Hirsch ist der Stolz der Harzer Wälder, die
Forelle belebt die Harzer Bäche. Ich habe, als ich die Fußreise erwähnte,
die ich als Schüler des Haller Pädchens im Harz unternahm, die Verse
zitiert, mit denen der Dichter Friedrich Leopold Stolberg das werte
Cheruskerland feiert, dem die Mutter Natur aus vergeudender Urne männ-
lichen Schmuck verliehen habe. Otto Stolberg war ein würdiger Sohn des
Harzer Landes. Alles an ihm war einfach und tüchtig. Er wußte, was er
seinem Namen und seiner Stellung schuldig war. Eitelkeit und Überhebung
lagen ihm fern. Er hat sich nie um irgendeine Stellung beworben und weilte
am liebsten im Harz. Er hat aber jedes der vielen ihm übertragenen Ämter
mit Pflichttreue und Auszeichnung betreut. Er war durch und durch
patriotisch, aber ohne Engherzigkeit, ohne Borniertheit. Er war schon mit
kaum dreißig Jahren Oberpräsident des kurz vorher von Preußen annek-
tierten Hannover geworden. Er hat unter schwierigen Verhältnissen dieses
Amt während sechs Jahren mit Festigkeit und dabei mit Güte und Takt,
immer als vornehmer Mann, geführt. Er war vier Jahre lang, von 1872 bis
1876, ein trefflicher Präsident des Preußischen Herrenhauses gewesen. Als
Bismarck ihn frug, ob er Lust habe, die Wiener Botschaft zu übernehmen,
erwiderte Stolberg, der damals noch nicht vierzig Jahre alt war, es fehle ihm
an jeder diplomatischen Vorbildung. Darauf Bismarck: „Sie waren ein
junger Premierleutnant der Gardes du Corps, als Sie ein sehr guter Ober-
präsident von Hannover wurden. Sie werden als gewesener Oberpräsident
und Herrenhauspräsident einen vortrefflichen Botschafter in Wien ab-
geben.“ Stolberg hat diese Erwartungen erfüllt.
Bei dem Empfang, den er, wie jeder neue Botschafter, bald nach seinem
Eintreffen abhalten mußte, erschien das ganze offizielle Wien. Ich werde
nie den verbissenen Ausdruck vergessen, mit dem Freiherr Anton von
Schmerling in die Botschaft trat, damals der Führer der österreichischen
Verfassungspartei, in noch älterer Zeit der Begründer und Führer der Groß-
deutschen Partei, vom Juni bis zum Dezember 1848 unter dem Reichs-
verweser Erzherzog Johann Reichsminister in Frankfurt a.M. Solchen
Groll im Gesicht eines Staatsmannes habe ich nur noch einmal wieder-
gesehen, bei Gortschakow, am Tage, wo im Kongreßsaal des Reichskanzler-
palais der Berliner Vertrag unterzeichnet wurde. Aber bei Gortschakow war
dieser Groll persönliche Ranküne wegen verletzter Eitelkeit und ihm, wie
er meinte, widerfahrener schlechter Behandlung. Schmerling dagegen trug
Leid um Höheres, um das Scheitern seiner politischen Ideale und Aspi-
rationen.
Mit heiterer Miene, ein Lächeln auf den Lippen, der echte Typus alt-
österreichischen Leichtsinns, erschien Fürst Richard Metternich, der