Full text: Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Vierter Band. Jugend- und Diplomatenjahre. (4)

Fürstin Marie 
Hohenlohe 
464 WERKY 
so gut wie unmöglich, ihn zu etwas zu bringen, was ihm widerstrebt. Er 
weicht aus wie ein kleiner Vogel, der sich nicht fangen läßt.“ 
Die Gemahlin des Fürsten Chlodwig Hohenlohe, die Fürstin Marie, war 
eine originelle Frau. Sie war die einzige Tochter des Fürsten Ludwig von 
Sayn-Wittgenstein aus dessen erster Ehe mit der Tochter des Fürsten 
Dominikus Radziwill, Ordinats von Olyka, Nieswicz und Mir. Wie diese Ehe 
zustande kam, war bezeichnend für die Regierungsweise des Kaisers 
Nikolaus I. Der Zar wünschte nicht, daß der ungeheure Grundbesitz des 
Fürsten Radziwill in polnischer und katholischer Hand bliebe. So erschien 
er plötzlich und unvermutet auf dessen Schloß Werky in Litauen. „Du hast 
eine einzige Tochter“, sprach er zum Fürsten. Ich bestimme sie meinem 
Generaladjutanten Wittgenstein zur Gemahlin, der im dritten Wagen 
hinter mir sitzt. Die Hochzeit kann in drei Wochen stattfinden, und ich 
werde die Gnade haben, ihr beizuwohnen.‘“ Umsonst stammelte der er- 
schrockene Pole, dem die Heirat mit einem Deutsch-Russen und Protestan- 
ten in keiner Weise paßte, einige verlegene Ausflüchte. Nikolaus I. duldete 
keinen Widerspruch. In seinem Beisein wurde die Ehe geschlossen, der 
außer dem späteren russischen Generaladjutanten, dem Fürsten Peter 
Wittgenstein, die Fürstin Marie Hohenlohe entstammte. Sie durfte der 
katholischen Konfession der Mutter folgen, der Sohn mußte Protestant 
werden. Er wurde ein in St. Petersburg, Paris und Nizza gleich bekannter 
Lebemann allergrößten Stils, um dessen Erbe, die große litauische Herr- 
schaft Werky, Fürst Chlodwig Hohenlohe am russischen Hofe und im 
Petersburger Ministerium des Innern viele Jahre mit heißem Bemühen 
gekämpft hat. Die Fürstin Marie war „grande dame“ bis in die Finger- 
spitzen, auch darin, daß sie sich aus dem Urteil der Welt und der gesell- 
schaftlichen Konvention gar nichts machte. Ihre einzigen Passionen waren 
die Jagd und die Homöopathie. Sie schoß auf Gemsen, sie schoß noch lieber 
auf Wölfe und am liebsten auf Bären. Sie hat in ihrem Leben mehr Bären 
zur Strecke gebracht als mancher berühmte Petersburger Bärenjäger. Auf 
einer Gemsenjagd war sie einmal in eine Felsspalte gefallen und erst nach 
mehreren Stunden, mit blauen Flecken und blutigen Schrammen am 
ganzen Leibe, mit Seilen mühsam herausgezogen worden. Auf der Bären- 
jagd war sie wiederholt in ernster Lebensgefahr gewesen. Sie fuhr oft in 
einer Tour von Paris und später von Straßburg nach Litauen, um einen 
Bären zu schießen, der ihr telegraphisch signalisiert worden war. 
Nicht ganz so großen Genuß wie die Jagd, aber auch viel Vergnügen 
bereitete ihr die homöopathische Behandlung von Kranken, die sich ihr 
anvertrauten. In Schillingsfürst und in Aussee im Salzkammergut, wo sie 
eine sehr originell, aber reizend als Bauernhaus eingerichtete Villa besaß, 
mußten sich Einheimische und Kurgäste von ihr behandeln lassen. Sie hat
	        
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