Full text: Bernhard Fürst von Bülow - Denkwürdigkeiten. Vierter Band. Jugend- und Diplomatenjahre. (4)

Bismarrk, 
Giers, 
Kälnoky 
Kälnoky und 
Aehrenthal 
570 DREI STAATSMÄNNER 
Nach der Tafel produzierte sich das berühmte Warschauer Ballett, 
dessen elegante und schöne Tänzerinnen eine heitere Note in die gravi- 
tätische Versammlung brachten. Gleichzeitig erschienen, vom Zaren be- 
fohlenr, dreißig bis vierzig polnische Fürsten- und Grafenfamilien, um den 
Majestäten zu huldigen. Der preußische Generaladjutant Fürst Anton 
Radziwill, selbst ein Pole, flüsterte mir zu: „Unter diesen Warschauer 
Adligen sind wenige, die nicht Väter, Großväter, Brüder oder Vettern in 
Sibirien gehabt haben.“ Am nächsten Vormittag fand im Gartenpavillon 
eine Besprechung zwischen den leitenden Staatsmännern der Kaiserreiche 
statt. Herbert Bismarck nahm mich lachend unter den Arm. „Wir wollen 
uns während der Konferenz im Nebenzimmer aufhalten. Das heißt nicht 
horchen, sondern Interesse zeigen und sich belehren. Der Mann, der da in 
der Ecke steht, geniert uns nicht. Es ist ein Detektiv. In diesem ver- 
dammten Lande ist man nie und nirgends vor Nihilisten und Bomben 
sicher.‘ An einem viereckigen hölzernen Tisch saßen Fürst Bismarck, Herr 
von Giers und Graf Kälnoky. In einer im Konversationston gehaltenen 
Darlegung erinnerte Bismarck an die Drei-Kaiser-Begegnung vom 4. Sep- 
tember 1872 in Berlin. Nach allerlei „Friktivonen‘‘ empfehle es sich, im Inter- 
esse des europäischen Friedens und der Aufrechterhaltung der monarchi- 
schen Regierungsform in Europa wieder daran zu denken, daß die drei 
großen nordischen Reiche durch Streit untereinander nur die Geschäfte 
der Revolution besorgen und weit mehr verlieren würden, als jedes von 
ihnen im Falle des Sieges gewinnen könne. Fürst Bismarck schlug vor, daß 
die drei Kaisermächte sich untereinander zu wohlwollender Neutralität 
verpflichten sollten, falls eine von ihnen von einer dritten Macht ange- 
griffen würde. In der längeren Aussprache, die folgte, herrschte Einver- 
ständnis darüber, daß es vor allem darauf aukomme, Zwischenfälle auf der 
Balkanhalbinsel, an denen es nie fehlen würde, von österreichischer wie von 
russischer Seite mit Takt und gutem Willen zu behandeln. Kleine Feuer- 
herde müßten ausgetreten, nicht angeblasen werden. Es sei wichtig, daß 
Österreich-Ungarn und Rußland den allzu hitzigen Eifer ihrer Balkan- 
agenten zügelten, die über lokale Zänkereien und Rivalitäten nur zu oft 
die großen Gesichtspunkte vergäßen, von denen die Politik der drei Kabi- 
nette sich leiten lassen müsse. „Jamais trop de zele!““ Diese guldene Regel 
des seligen T'allevrand, führte Fürst Bismarck aus, möchten seine verehrten 
Kollegen ihren Untergebenen recht nachdrücklich einschärfen. 
In Skierniewice lernte ich zwei österreichische Diplomaten kennen, mit 
denen mich das Leben noch wiederholt zusammengeführt hat. Der Lega- 
tionsrat Baron Aloys Lexa von Aehrenthal fungierte als Kabinettschef 
bei Kälnoky, dessen ganzes Vertrauen er besaß. Er gab sich damals, im 
Gegensatz zu Goluchowski, Khevenhüller, Hengemüller, Pallavicini und
	        
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