Full text: Tagebuchblätter. Erster Band. (1)

4. Dezember Dreizehntes Kapitel 473 
euern Leibern. Ich lasse euch noch vierundzwanzig Stunden hungern, 
bis wir von euch haben, was wir wollen. Und noch einmal vier- 
undzwanzig Stunden, einerlei, was daraus wird. Das halte ich aus, 
aber der König, der Kronprinz, die Damen, die ihnen ihre senti- 
mentalen Ansichten aufdringen, und gewisse geheime europäische 
Verbindungen! — Ich wollte schon fertig werden mit mir; aber das, 
was hinter mir steht, hinter meinem Rücken, oder vielmehr, was 
auf der Brust liegt, daß ich nicht atmen kann.“ — „Das sind 
Leute, für die die deutsche Sache, die Siegesfrage nicht in erster 
Linie steht, sondern der Wunsch, in englischen Zeitungen gelobt zu 
werden.“ — „Ja, wenn man Landgraf wäre. Das Hartsein traue 
ich mir zu. Aber Landgraf ist man nicht.“ — „Erst in diesen 
Tagen haben sie wieder etwas recht Dummes aufs Tapet gebracht 
mit ihrer sentimentalen Sorge für die in der Stadt. Da sollen 
große Proviantmagazine für die Pariser angelegt werden. Sie wollens 
von London und Belgien herschaffen, und die Magazine sollen 
zwischen unsern Linien sein, und die Soldaten von uns sollen sie 
bloß ansehen, aber nicht anrühren dürfen, wenn sie Mangel haben 
und Hunger leiden — damit die Pariser nicht Hungersnot erleben, 
wenn sie kapituliert haben.“ 1 — „Wir im Hause hier haben freilich 
genug, aber bei den Truppen draußen geht es knapp her, und 
diese leiden, damit die Pariser, sobald sie wissen, daß draußen für 
sie gesorgt ist, es mit dem Kapitulieren bis auf den Tag ankommen 
lassen, wo das letzte Brot verzehrt und das letzte Pferd geschlachtet 
ist. Ich werde nicht gefragt, sonst wollte ich lieber gehenkt sein, 
ehe ich einwilligte.“ — „Ich bin aber selbst dran schuld. Ich bin 
so unvorsichtig gewesen, auf die Hungersnot, die kommen muß, 
aufmerksam zu machen sich hatte das in der Presse ebenfalls zu 
thun gehabt], freilich bloß die Diplomatie. So sind sies auch ge- 
wahr geworden; sonst wären sie nicht darauf gekommen.“ 
„Sehen Sie mal Abeken und Keudell, was die für Gesichter 
dazu machen,“ flüsterte mir Bucher zu. (Abeken saß still und ge- 
duckt da und warf zuweilen einen scheuen Blick voll Betroffenheit 
und Trauer auf den Sprechenden, Keudell sah etwas verlegen aus.) 
„Der Nachfolger Bismarcks.“ 
  
1 Vgl. G. u. E. II, 112.
	        
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