Erwerb durch Occupation. A. Im Allgemeinen. 257
nicht Verfehmung eingeborener Völkerstämme oder Ausrottung der
Wilden zu rechtfertigen. Höher gebildete Völker haben die Grundsätze
der internationalen Moral überall zu achten und müssen anerkennen,
daß auch Wilde ein natürliches Recht des Daseins, unabhängig
von Staatsgesetzen, für sich in Anspruch nehmen dürfen.
Entzieht man ihnen die altgewohnten, vornehmlich aus Jagd und
Fischfang gewonnenen Mittel physischer Lebenserhaltung, so entspringt
daraus auch die Pflicht, ihnen den Uebergang zu andern
und höhern Stufen wirthschaftlicher Arbeit allmälig zu ermöglichen.
Solche Fälle bedürsen der Zurückführung auf moralische und religiöse
Vorschriften gerade aus dem Grunde, weil auf die ersten Berührungen
zwischen hochgesitteten Nationen und wilden Völkerstämmen
überhaupt kein positives Gesetz angewendet werden kann. Zwischen
der Naturmacht des Vernichtungstriebes bei Urvölkern und den Vernunftsforderungen
der sittlichen Idee bei Culturvölkern giebt es keine
juristischen Vermittelungen. Es fragt sich immer, was und wer im
Verlaufe thatsächlicher Entwickelung fich als der Stärkere erweist. Für
das positive Völkerrecht entscheidet bei der Occupation staatenloser
Gebiete nicht das Bedenken einzelner Philanthropen zu Gunsten
der Barbarei, sondern die welthistorische Thatsache, daß Europäische
Nationen im auswärtigen Verkehr wechselseitig sich niemals das Recht
der Occupation an staatenlosen Gebieten bestritten haben. Wenn trotzdem
in allerneuester Zeit häufiger als früher Unterwerfungsverträge
mit Häuptlingen wilder Völkerstämme als Titel des Gebietserwerbes
systematisch verwerthet oder vorgeschützt werden, so
geschieht dies zum Zweck der Prävention zwischen mehreren wirklich
vorhandenen oder doch vermutheten Nebenbuhlern, nicht in dem
Sinne, als sollte behauptet werden, daß Barbaren die intellectuellen
Vorbedingungen der Vertragsschließungsfähigkeit oder der Gebietsverdußerung
innewohnen. Denn die Vorbedingung jeglichen Gebietserwerbes
im derivativen Sinne ist das Vorhandensein festen Wohnsitzes
und fester Regierung, woran es bei den Barbaren fast immer
fehlt.
2. Der Occupationsfähigkeit eines Territoriums muß der Wille
des Occupanten entsprechen, Gebietshoheit auf die Dauer
zu erwerben. Da völkerrechtlicher Gebietserwerb mit Privateigenthum
an Grund und Boden nicht identisch ist, so schließt auch der
völkerrechtliche Occupationswille nicht nothwendig den privatrechtlichen
Occupationswillen in sich. Nur versteht sich von selbst, daß
der völkerrechtliche Occupant nach erlangter Gebietshoheit bestimmen
kann, unter welchen Bedingungen Grund und Boden fernerhin in
Privatbesitz übergehen kann. Daß Privatpersonen, die vor definitiv
geordneter Occupation in staatenlosen Gebieten den Grund bebauten,
Hüandiuch des Bölkerrechte II. 17