Die Edelfrau. 239
sich ein Minnesänger, alle Schürzen seien gleich vor seinen
Augen und er laufe allen Weibern nach, großen und
kleinen, jungen und alten, klugen und einfältigen, blonden,
braunen und schwarzen v3). Kein Wunder, daß in
einer so verwilderten Männerwelt ein Humpen Wein
höher gewerthet wurde als ein Weib 6).
Jede Zeit hat ihre grellen Gegensätze, aber kaum
dürften sich dieselben jemals offener dargestellt haben als
im Mittelalter, wo, wie die verschiedenen Stände, so auch
die gegensätzlichsten Lebensrichtungen viel unvermittelter
neben einander standen als heute. Da tobte und ras'te
eine kraftstrotzende Weltlust in zuchtlosen Orgien, dort
kehrte eine bis zur Krankhaftigkeit gesteigerte Himmelssehnsucht
das schwärmerische Auge von allem Irdischen
ab. Während im 13. und 14. Jahrhundert mancher
deutsche Dynast seine Burg zu einem türkischen Harem
machte 7), ließen sich von höfischen Damen derselben Zeit
#)Ach acht itt uff ain klainen schaden,
Hett ich in ainem tunklen gaden
Ain brun, ain blaich, ain swartz bi mir, u. s. w.
Liedersaal, II, 165 fg.
96) Ju vült uns wol den maser!
Ein affe, ein narre was er,
Der ie gesente sinen lp
Vür guoten win umb ein wip. Helmbrecht, Gesammtabent.
III, 309.
97) Soz. B. ein Herr von Berneck, welcher sich ein Dutzend
hübscher Hausmädchen hielt, zur Erleichterung seiner Wittwerschaft,
wie er sagte. Vgl. Raumer, Gesch. d. Hohenstaufen, VI, 480.