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für so naiv und unschuldig halten, daß sie sich von einem deutschen
Ehrenmanne werde Moral predigen lassen. Die russische
Politik hat damals, wie immer, nur ihren Nutzen berechnet, und
gegenüber Frankreich mußte sie sich eine Zeitlang liberal färben,
den Schein der Freisinnigkeit und einer sittlichen Entrüstung über
das Unterdrückungs-, Raub= und Eroberungssystem Napoleons
geben. Wir sagen „Schein“, denn es wäre einfältig, von der
russischen Politik zu glauben, sie hätte jemals im Ernst die Freiheit
der Völker gewollt, sie, welche kurz vorher die Freiheit der
Polen unter ihre Füße getreten hatte. Oder die russische Politik
hätte einen Abscheu vor den ungerechten Besitzergreifungen Napoleons
gehabt, sie, welche seit einem Jahrhundert unaufhörlich
erobert, die Nachbarn beraubt und erst vor wenigen Jahren
dem befreundeten Preußen den großen Bezirk von Bialystock
abgeführt hatte.
Kaiser Alexander brauchte Stein zum Werkzeug, um durch
Aufregungen in DeutschlandNapoleon im Rücken zu bedrohen.
Als aber nach dem schrecklichen Winter die russischen Armeen
vorwärts gingen und es mit der Befreiung Deutschlands Ernst
werden sollte, war es nicht der Freiherr von Stein, dessen Nathschlägen
der Kaiser Gehör gab. Der Kaiser befolgte vielmehr hinter
Steins Rücken eine Deutschland verderbliche Politik. Das sog.
deutsche Befreiungswerk sollte blos eine vorübergehende militärische
Maßregel seyn, um den Russen die letzte Besiegung Napoleons
zu erleichtern. Von einer dauerhaften Consolidirung Deutschlands,
von einer Wiedergeburt, wie sie Stein sich dachte, wollte Rußland
nichts wissen. Auch die berühmte Proclamation von Kalisch war
in diesem Sinn nur auf Schrauben gestellt, und Rußland behielt
sich die Protektion vor. Während Stein dem Kaiser immer vergebens
anlag, eine combinirte, russisch-englische Expedition in
Norddeutschland landen und die Völker allarmiren zu lassen, verhandelte
der Kaiser heimlich mit Schweden und Dänemark und