Full text : Lehr- und Lesebuch oder die Vaterlands- und Weltkunde.

59]  Die  wichtigsten  deutschen  Seehandelsstädte.  485.

auch  in  der  Neuzeit  allerorten  durch  ausgiebige  Begradigung  und  Verbreiterung
  alter  Straßen  oder  auch  durch  Anlegung  neuer  Straßen  geschaffen
  worden,  Bremen  hat  durch  den  Durchbruch  der  Hafenstraße
zur  Faulenstraße  eine  fast  geradlinige  Verbindung  zwischen  dem  Markt
und  dem  neuen  Hafen  erhalten  (Fig.  8,  7).  Durch  Verbreiterung  der
Sögestraße  ist  in  dieser  und  der  Bahnhofstraße  ein  bequemer  Zugang
von  der  inneren  Stadt  zum  Bahnhof  geschaffen.  Georgenstraße,  Kaiserstraße,
  Kaiserbrücke  und  Große  Allee  bilden  einen  geraden  Straßenzug
durch  die  ganze  Stadt  vom  Bahnhof  nach  den  am  linken  Weserufer
gelegenen  Teilen  (Fig.  8,  8).  Hamburg  sorgte  nach  der  Fertigstellung
seiner  ersten  neuzeitlichen  Hafeneinrichtungen  vor  allem  für  eine  gute
Verbindung  derselben  mit  der  inneren  Stadt!).  Mattentwiete,  Brandstwiete,
  Rödingsmarkt,  Admiralstraße  wurden  in  den  letzten  drei  Jahrzehnten
  zum  Teil  um  das  Drei-  und  Vierfache  verbreitert  und  bilden
jetzt  die  Hauptverkehrsbahnen  nach  den  Häfen  (Fig.  9,  2—6).  Der
Zug  des  Sophienblattes,  der  Klinke  und  Holstenstraße  in  Kiel,  die
Bahnhofstraße  in  Königsberg,  die  Breitenstraße  in  Stettin  sind  andere
Beispiele  solcher  den  modernen  Verhältnissen  gemäß  umgestalteter
Straßen.  Der  stets  auf  ihnen  herrschende  rege  Verkehr,  die  nie  fehlende
Straßenbahn,  zahlreiche  Läden  und  große  Hotels  lassen  dieselben  den
Fremden  sofort  als  die  Hauptverkehrsadern  erkennen,  die  er  verfolgen
muß,  wenn  er  in  das  Zentrum  der  Stadt  gelangen  will.

Weiter  sind  für  den  Verkehr  die  Straßen  besonders  wichtig,  die
das  Stadtinnere  mit  den  umliegenden  Vororten  verbinden.  Große  Veränderungen
  geschahen  in  dieser  Beziehung  besonders,  als  die  Städte
ihren  Festungscharakter  ablegten.  Daß  die  wenigen  Zugänge  der  alten
Landstraßen  dem  Bedürfnis  des  gesteigerten  Verkehrs  in  Hamburg
nicht  mehr  genügten,  zeigt  der  Umstand,  daß  sofort  nach  Aufhebung
der  Thorsperre  die  Ausgänge  aus  der  inneren  Stadt,  von  denen  auf
einem  Umkreis  von  4  km  vorher  nur  fünf  vorhanden  waren,  auf  zwölf
vermehrt  wurden  ?2).  Die  Festung  Stettin  hatte  nur  vier  Thore°);  die
jetzige  alte  Stadt  besitzt  etwa  viermal  so  viel  Ausgänge.  Um  noch  ein
letztes  Mittel  der  bequemen  Verbindung  mit  der  Peripherie  zu  erwähnen:
  so  geschieht  bei  größeren  Umbauten  in  der  inneren  Stadt  die
ganze  Neuanlage  in  der  Richtung  auf  die  peripherischen  Stadtteile.  In
der  Altstadt  Hamburgs  sind  die  Straßen  nach  den  Brande  in  der  Richtung
  nach  der  Vorstadt  St.  Georg  durchgeführt;  die  Anlegung  der
neuen  Straßen  in  St.  Pauli  geschah  mit  Rücksicht  auf  eine  Verbindung
mit  Altona).  ..

Zusammenfassung:  1.  Die  in  der  Nähe  des  Wassers  verlaufenden
  Straßen  gehen  parallel  zum  Wasserrand  oder  treffen  rechtwinkelig
auf  ihn.

2.  Straßen,  die  an  der  Stelle  alter  Befestigungen  liegen,  deuten

t)  Vgl.  Gaedechens,  Topographie  Hamburgs,  S.  285  tt,

*)  Hamburg  und  seine  Bauten,  S.  811.

°®)  Plan  von  Stettin  aus  dem  Jahre  1866.  (Verl.  von  Fr.  Nagel.)

*),  Vgl.  Hamburg,  Histor.  topogr.  und  baugesch.  Mitteilungen  $.  2  und
Gaedechens,  Topographie  Hamburgs  8.  291.