Full text : Königlich-Baierisches Regierungsblatt. 1807. (2)

86  Max  Lenz.

die  Spitzen  der  Behörden  und  die  Mitglieder  der  Herrenkurie  und  der
Ritterschaft  selbst,  in  denen  der  König  feste  Bollwerke  seines  ständischen
Systems  zu  besitzen  glaubte,  fielen  zum  Teil  den  Liberalen  zu  oder
sträubten  sich  doch  gegen  seine  liebsten  Wünsche.  Vergebens  suchte  er
sie  mit  herrischem  Gebot  zu  feffeln,  nur  um  so  kecker  und  selbstbewußter
trat  die  Opposition  hervor.  Drei  Fünftel  rechnete  Leopold  von  Gerlach
gleich  anfangs  als  Liberale,  nur  zwei  Fünftel  seien  Gutgefinnte:  aber
des  Königs  Theorie,  fügt  er  klagend  hinzu,  verabscheuen  die  meisten,  auch
sehr  viele  der  sogenannten  Gutgefinnten;  von  den  Ministern  verstehen  ihn
die  wenigsten,  die  Liberalen  und  die  Masse  der  Juristen  seien  gegen  ihn.
Die  Versammelten  gerierten  sich  in  der  That  fast  schon  als  Nationalrepräsentanten
  und  setzten  allen  Gesetzentwürfen  und  Forderungen  der
Regierung  den  Anspruch  auf  ihr  konstitutionelles  „Recht“  entgegen.

In  diesen  Kreis  trat  der  junge  Altmärker  ein,  dessen  Seele  nur  in
Preußens  Größe  lebte.  Er  sah,  wie  der  preußische  Staatsgedanke  von  den
neuen  Doktrinen  überwuchert  wurde  und  vor  dem  Zauber  der  deutschen
Idee  erblaßte,  und  warf  sich  mit  Ungestüm  dem  Strome  entgegen.  Den
Gerlachs  mochte  er  als  einer  der  Ihrigen  erscheinen,  und  die  Liberalen
spotteten  über  den  modernen  Kreuzritter,  der  den  Juden  das  Recht,
Richter  zu  werden,  absprach  und  für  den  christlichen  Charakter  seines
Staates  eintrat.  Das  und  anderes  waren  angelernte  Vorstellungen,
Schlagwörter  der  Partei,  von  denen  er  sich  noch  noch  nicht  losgemacht,
die  aber  sein  Eigenstes,  den  Kern  seines  Wesens,  nicht  berührten  oder
jedenfalls  einen  andern  Inhalt  bei  ihm  hatten,  als  bei  den  Stahl  und
Gerlachs.  So  wie  auch  Luther  noch  an  den  Formen  und  Anschauungen
der  alten  Kirche  hing,  lange  nachdem  er  den  Punkt  gefunden,  von  dem
aus  er  das  römische  System  aus  den  Angeln  heben  mußte.  Der  Kerngedanke
  Bismarcks  trat  gleich  bei  der  ersten  Gelegenheit  hervor,  die  ihn
auf  die  Tribüne  rief,  am  17.  Mai  1847,  als  der  Abgeordnete  von
Saucken  die  Erhebung  des  preußischen  Volkes  gegen  die  franzöfische  Herrschaft
  aus  dem  Drange  nach  liberalen  Institutionen  ableiten  wollte.
Der  Ostpreuße  sprach  damit  nichts  anderes  aus,  als  was  der  allgemeine
  Glanbe  war,  das  was  David  Hansemann  damals  in  die  Formel
brachte:  „Recht,  das  ist  der  Boden  der  Vaterlandsliebe.“  „Als  ob,“
rief  Bismarck  dagegen,  „die  Bewegung  des  Volkes  von  1813  andern
Gründen  zugeschrieben  werden  müßte  und  es  eines  andern  Motivs  bedurft
hätte,  als  der  Schmach,  daß  Fremde  in  unserm  Lande  geboten.  Es  heißt,
meines  Erachtens,  der  Nationalehre  einen  schlechten  Dienst  erweisen,
wenn  man  annimmt,  daß  die  Mißhandlung  und  Erniedrigung,  die  die
Preußen  durch  einen  fremden  Gewalthaber  erlitten,  nicht  hinreichend  ge-