Full text : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

1363  Sechstes  Buch.  Die  Zahre  der  Erfüllung.

Tüchtigkeit  der  durch  schwere  Zeiten  gestählten  Schleswig-Holsteiner,
  die  geistige  Beweglichkeit  der  durch  eine  ähuliche
Schule  gegangenen  Hannoveraner,  die  Ueberzeugungstrene  der
von  schmachvollem  Druck  erlösten  Hessen  und  die  thatenfrohe
Frische  der  temperamentvollen  Nassauer,  froh  der  Beseitigung
der  Kleinstgaterei,  verbanden  sich  mit  der  ernsteren,  minder
anpassungsfähigen  und  beweglichen  altpreußischen  Art,  die  sich
von  den  Erinnerungen  an  den  Konflikt  noch  immer  nicht  ganz
frei  halten  konnte,  zu  erfolgreichem  Zusammenwirken.  Ihm
entsprang  eine  große  gesetzgeberische  Thätigkeit,  die  auf  mehr  als
einem  Gebiet  auch  Preußen  als  Teil  des  Norddeutschen  Bundes
die  endliche  Erfüllung  alter  liberaler  Forderungen  gewährte.
Auch  seine  Entwickelung  holte  jetzt  lange  Versäumtes  nach
und  kam  mit  der  ganz  Norddeutschlands  in  schnelleren  Gang.

Ein  Menschenalter  war  vergangen,  seit  der  preußische
Zollverein,  ohne  bewußte  Tendenz  zu  nationaler  Einheit  begründet,
  die  wirtschaftliche  Einigung  Deutschlands  angebahnt
hatte.  Zum  deutschen  Zollverein  erweitert,  hatte  er  unter
Preußens  energischer  Leitung  auch  die  Krisis  glücklich  überstanden,
  welche  die  Handelsverträge  mit  Frankreich  und  Oesterreich
  veranlaßten  (S.  107).  Da  der  letztere  nach  dem  Frieden
nur  vorläufig  galt,  entstand  für  Süddeutschland  die  Gefahr
der  wirtschaftlichen  Trennung  vom  Norden,  die  es  um  so
schwerer  schädigen  mußte,  als  sein  Anschluß  an  Oesterreich  nach
Lage  der  Dinge  unmöglich  war.  Es  galt  daher  trotz  der
Mainlinie  Deutschland  die  wirtschaftliche  Einheit  zu  erhalten.
Daher  erklärte  bereits  am  4.  August  1866  eine  Versammlung
zu  Braunschweig,  an  der  Vertreter  des  deutschen  Handels=  und
des  Nationalvereins  sowie  der  wirtschaftlichen  Vereinigung  teilnahmen,
  auf  Antrag  Karl  Brauns  aus  Wiesbaden,  die  wirtschaftliche
  Einigung  mit  den  süddeutschen  Staaten  müsse  aufrecht
erhalten,  ihre  Leitung  der  obersten  Behörde  des  Norddeutschen
Bundes  übergeben  und  die  Teilnahme  an  der  Zollgesetzgebung
einem  Zollparlament  eingeräumt  werden,  zu  dem  sich  durch
allgemeine  direkte  Wahlen  ernannte  Vertreter  der  süddeutschen
Staaten  mit  dem  Norddeutschen  Reichstag  vereinigten,  —  ein
Gedanke,  den  Bismarck  bereits  1858  ausgesprochen  und  zur  Ver-