haben weder auf ihre Rachegelüste noch auf ihre Ansprüche ausdrücklich
verzichtet. Die schwebenden Fragen sind nicht gelöst, sie schlummern.
Das ist das Höchstmaß dessen, was man für den Augenblick erreichen
kann. Wir leben daher in einem unbeständigen Gleichgewichtszustande,
und die wiederholten Bekundungen der Aufrechterhaltung des Dreibundes,
die man an uns in Berlin, Wien und Rom verschwendet, sind durchaus
nicht überflüssig.‘
In Paris war ein Vorkommnis des Jahres 1890 der Förderung des
Zweibundgedankens günstig. Freycinets Eifer war es gelungen, ein Anarchisten-Komplott
gegen das Leben des Zaren aufdecken, die Schuldigen
verhaften und in Paris im Juni aburteilen zu lassen. Der Petersburger
Gesandte berichtet am 6. Juni 1890!) über den günstigen Eindruck, den
das auf die Presse nicht nur, sondern auch auf die amtliche Welt der russischen
Hauptstadt gemacht habe; in der Presse spreche man bereits
davon, daß nun eine Entente und noch engere Beziehungen zwischen
den beiden Ländern folgen müßten. Bei einem internationalen Juristenkongresse
in Petersburg im Juni wurden die französischen Vertreter auffallend
umschmeichelt und gehätschelt, so daß es sogar dem Vertreter
Frankreichs etwas zu viel wurde. Der französisch-russische Verbrüderungsgedanke
benutzte alle derartigen Gelegenheiten, um sich zur Geltung
zu bringen?).
Eine Reise des deutschen Kaisers im Sommer 1890 nach England
war nach Greindlis Urteile®) der Förderung des \Weltfriedens insofern
nützlich, als eine gewisse Unterstützung der Bestrebungen des Dreibundes
durch England sich daraus ergab. Über einige schwebende Fragen in
Afrika hatte man sich geeinigt. Jetzt hebt Greindl hervor, daß die Wiederheranziehung
Englands zur Beteiligung an der allgemeinen Politik Europas
durch Deutschland nur günstig wirken könne, nachdem das in der afghanischen
Frage 1885 verletzte England sich bisher auffallend zurückgehalten
habe.
Ein bei dem Zusammentreffen von Osborne anscheinend gemachter
Versuch des deutschen Kaisers, England in ein näheres Verhältnis zum
Dreibunde zu bringen, nachdem die englisch-deutschen Grenzfragen in
Afrika so zufriedenstellend bereinigt worden waren, wurde nach einem
Berichte des Barons Solvyns in London am 28. August 1890°%) von Lord
Salisbury ausweichend beantwortet. Er wies darauf hin, die Traditionen
der englischen Politik erlaubten es nicht, Verpflichtungen einzugehen,
die nicht von einer unmittelbar bevorstehenden Notwendigkeit geboten
wären und die englische Freiheit des Handelns einschränken könnten.
Der Kaiser wechselte daraufhin den Gegenstand der Unterhaltung.
Salisburys Anschauungen glaubt Solvyns bei dieser Gelegenheit wie folgt
wiedergeben zu können: „Solange nicht zwischen Rußland und Frank-1)
Bd. V, S. 93:
2?) Petersburg, 20. und 24. Juni 1890, Bd. V, S. 94.
®) Berlin, 14. August 1890, Bd. V, S. 267/268.
1) Bd. V, S. 268/269.
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