Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Die  Märzrevolution  101

nicht  geeignet,  das  wieder  einzubringen,  was  im  Innern  und  nach
außen  verloren  war;  der  König  stand  nicht  mehr  an  der  Spitze
seiner  Truppen,  sondern  der  Barrikadenkämpfer,  derselben  unlenkbaren
  Massen,  vor  deren  Bedrohung  die  Fürsten  Deutschlands
wenige  Tage  vorher  noch  Schutz  bei  ihm  gesucht  hatten.  Bismarck
hielt  es  für  würdelos  und  weichlich,  daß  Friedrich  Wilhelm  IV.
unter  dem  Druck  unberufener,  vielleicht  verräterischer  Ratgeber,
gedrängt  durch  die  Tränen  seiner  Frau,  das  siegreiche  Vorgehen
seiner  Truppen  dadurch  abzuschließen  suchte,  daß  er  auf  den
gewonnenen  Sieg  verzichtete  und  daß  er  damit  die  weitere  Entwicklung
  der  preußischen  Politik  zunächst  durch  den  Schaden
einer  versäumten  Gelegenheit  stark  hemmte.

Aber  Bismarck  hatte  nicht  nur  feste  politische  Ansichten  in
der  Theorie,  der  große  Realpolitiker  suchte  sie  auch,  soviel  er
als  brandenburgischer  Landedelmann  das  konnte,  in  Wrrklichkeit
  umzusetzen.  Da  er  hörte,  daß  der  König  in  der  Hand  der
Aufständischen  sei,  sah  er  seine  nächste  Aufgabe  darin,  den
König  zu  befreien.  Als  ihm  seine  Bauern  meldeten,  es  seien
aus  dem  nahen  Tangermünde  Männer  gekommen  mit  der  Aufforderung,
  auf  dem  Turme  zu  Schönhausen  die  schwarz-rot-goldene
Fahne  aufzuziehen,  und  mit  ernsten  Drohungen  im  Weigerungsfalle,
  fragte  er  die  Bauern,  ob  sie  sich  wehren  wollten.  Sie
antworteten  ja  und  vertrieben  auf  seine  Empfehlung,  unter
eifriger  Beteiligung  der  Weiber,  die  Städter  aus  dem  Dorfe.
Dann  ließ  Bismarck  eine  in  der  Kirche  vorhandene  weiße
Fahne  mit  dem  eisernen  Kreuz  aufziehen,  ließ  alles  sammeln,
was  an  Waffen  und  Schießbedarf  vorhanden  war,  und  ließ
durch  reitende  Boten  von  Jerichow  und  Rathenow  Pulver  holen.
Dann  fuhr  er  mit  seiner  Frau  auf  den  umliegenden  Dörfern
umher  und  fand  die  Bauern  bereit,  dem  Könige  in  Berlin  zu
Hilfe  zu  ziehen.  Nur  sein  nächster  Nachbar  erklärte,  er  werde
gegen  die  Bauern  auftreten  und  abwiegeln.  Bismarck:  „Sie
kennen  mich  als  einen  ruhigen  Mann,  aber  wenn  Sie  das  tun,
so  schieße  ich  Sie  nieder.“  „Das  werden  Sie  nicht,“  meinte  der
Nachbar.  „Ich  gebe  mein  Ehrenwort  darauf,“  versetzte  Bismarck,
„und  Sie  wissen,  daß  ich  das  halte,  also  lassen  Sie  das."